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Warum Obama gewonnen hat

Der Strategy Sunday ist Geschichte, aber um die Entzugserscheinungen ein wenig in Grenzen zu halten, hier eine kurze Analyse des Wahlergebnisses aus strategischer Sicht. Es handelt sich dabei um einen (nur ein wenig ergänzten) Gastkommentar von mir, der letztens in der Wiener Zeitung erschienen ist.

Barack Obamas Wahlsieg ist also deutlicher ausgefallen, als es die Schlagzeilen davor suggerierten. Dennoch war die Spannung davor in meinen Augen berechtigt. Ich teile zwar Tom Schaffers Kritik am etwas nervigen Horse Race Journalism, doch wie u. a. dieser interessante Artikel aus der New York Times dokumentiert, kaute das Obama-Camp an der ersten TV-Debatte doch schwerer als ich vermutet hätte. So oder so: Wer glaubt, Obamas Wiederwahl sei zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen, lässt sich von der deutlichen Verteilung der Wahlmännerstimmen blenden.

Beim „popular vote“ (also allen abgegeben Stimmen) um nur 2,3 Prozentpunkte vor dem Herausforderer zu liegen, ist ein historisch knapper Vorsprung für die Wiederwahl eines US-Präsidenten. (Üblicherweise bauen Amtsinhaber bei ihrer Wiederwahl den Vorsprung vor ihrem jeweiligen Herausforderer aus – oder werden abgewählt.) Mehr war aber angesichts der Tatsache, dass Obamas erste Amtszeit von der Wirtschaftskrise überschattet wurde, nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Noch vor einem Jahrzehnt hätten die Republikaner eine derartige Steilvorlage trocken verwertet und dem Amtsinhaber eine sichere Niederlage beschert. Mit einer höheren Arbeitslosenrate im Land wurde nur Franklin D. Roosevelt wiedergewählt – und das war 1936.

Warum also hat Obama so deutlich gewonnen? Es wäre zu einfach, seinen Erfolg mit den Spannungen innerhalb der Republikaner zu erklären. Auch wenn es dort unterschiedliche Vorstellungen über den richtigen Kurs geben mag: Gegen ihr gemeinsames Feindbild Obama ziehen von der Tea-Party-Anhängerin bis zum Country-Club-Republikaner alle an einem Strang. Auch Mitt Romney war nicht die größte Schwachstelle seiner Kampagne. So schlecht, wie es bei uns gerne dargestellt wurde, kann er mit 48,1 Prozent des „popular vote“ nicht angekommen sein. Selbst die demografische Entwicklung, die Minderheiten wie Latinos mehr Gewicht verleiht, ist keine taugliche Ausrede für Romneys deutliche Niederlage (wie es auch dieses heute in der taz erschienene Interview deutlich macht). Gerade Latinos haben mehrheitlich ein eher konservatives Weltbild, was George W. Bush noch auszunutzen wusste. Flügelkämpfe, Kandidatenschwächen, Demografie – natürlich haben alle diese Faktoren einen gewissen Einfluss darauf, dass sich Obama unter widrigsten Umständen durchsetzen konnte. Das Geheimnis seines Erfolgs offenbart aber erst ein Blick auf die Ergebnisse der wahlentscheidenden Bundesstaaten.

Denn wenn eine Kampagne in einem relativ knappen Rennen von neun Swing-States acht gewinnt, liegt das nicht am Glück, an guter Taktik oder gar an den Rahmenbedingungen (die für Obama alles andere als günstig waren): Wer von neun Spielen acht gewinnt, ist einfach haushoch überlegen. Die Überlegenheit der Kampagne Obamas resultiert daraus, dass sie die High-Tech-Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts erfolgreich mit Graswurzelarbeit verband. Im Hintergrund werkten Datenspezialisten an einem immer präziseren „Microtargeting“, das Wähler mit maßgeschneiderten Botschaften versorgte. An der Schnittstelle zwischen Datenwelt und echtem Leben liegen die sozialen Medien, über die Anhänger gefunden und mobilisiert wurden. Und im Vordergrund standen so traditionelle Wahlkampfmethoden wie Haustürbesuche, die durch erfolgreiches „Storytelling“ das Bild einer Bewegung von unten erzeugten. Nur mit diesen Methoden konnte Obama eine Wählerkoalition schmieden, die höchst unterschiedliche Zielgruppen verband: jüngere Wähler, Akademiker, unverheiratete Frauen, ethnische Minderheiten. Eine Koalition, die die demografische Entwicklung auf ihrer Seite hat.

Dieser Beitrag ist von Stefan Bachleitner

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