Strategy Sunday: Positionierung

Wer die republikanischen Vorwahlen beobachtet, muss feststellen: Newt Gingrich ist der Gewinner der vergangenen Woche. Inzwischen werden dem erfahrenen Schlachtross – dessen Kampagne aufgrund diverser Startschwierigkeiten fast schon abgeschrieben wurde – wieder Chancen eingeräumt, zum Präsidentschaftskandidaten der GOP gekürt zu werden.

Es wäre zu einfach, diese Wiederauferstehung darauf zurückzuführen, dass er in den TV-Debatten (dank seiner Erfahrung und außergewöhnlicher Medienberater) sattelfester als seine Gegenspieler auftrat. Sein derzeitiger Höhenflug lässt sich eher mit einem anderen Wort erklären: Positionierung.

Newt Gingrich ist nicht seit gestern auf der politischen Bühne. Als Anführer der „Republican Revolution“ war er in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre einer der stärksten Gegenspieler von Präsident Clinton, weshalb er über eine bundesweite Bekanntheit und ein klares politisches Profil verfügt. Aufgrund dieser beiden Faktoren profitiert er nun von den Fehlern seiner stärksten Konkurrenten Herman Cain und Rick Perry.

Newt Gingrich konnte auf diesen Moment warten. Als alter Hase weiß er, dass für jede Wahlkampagne die Regeln eines Marathonlaufs gelten: Das Rennen wird erst auf der Ziellinie entschieden. (Eine sehr anschauliche Illustration dieses „horse-race“ um die republikanische Nominierung bietet übrigens das Online-Magazin Slate.) Wie bei einem Langstreckenlauf muss sich jeder Kandidat seine Kräfte gut einteilen. Wie gut jemand läuft, ist dabei aber nur die halbe Miete – mindestens ebenso entscheidend ist, von wo aus jemand startet. Und hier beginnt die Kunst der Positionierung.

Wieder einmal liefert Nate Silver mit der folgenden Infografik eine sehr anschauliche Übersicht über die unterschiedlichen Positionierungen der republikanischen KandidatInnen:

Die obige Grafik beinhaltet vier Informationen: Zum Ersten die Position auf der horizontalen Achse – links finden sich hier die eher moderaten GOP-KandidatInnen, rechts die konservativen. Dann die Position auf der vertikalen Achse, wo die etablierten Polit-Insider oben und die eher „grass root“-orientierten Outsider unten angezeigt werden. Die dritte Informationsdimension liefern die Farben: Rot sind die KandidatInnen aus dem Süden, blau jene aus dem Nordosten, grün die BewerberInnen aus dem Mittleren Westen und gelb jene aus dem Westen der USA. Die Größe des Kreises wiederum repräsentiert die damalige Stärke in den bundesweiten Meinungsumfragen – und ist daher am wenigsten aussagekräftig, da diese Grafik im August 2011 erstellt wurde.

Was zeigt uns diese Grafik? Wohl am auffälligsten ist, dass Mitt Romney über ein sehr starkes Alleinstellungsmerkmal – im Marketingsprech würde man das USP nennen – verfügt. Er ist der einzige nennenswerte moderate Kandidat aus dem Nordosten der USA – weshalb ihm auch am ehesten zugetraut wird, gegen Obama zu punkten.

Absurderweise ist er damit auch jener Bewerber, der am weitesten vom Herz der republikanischen Basis entfernt ist (die nicht zuletzt mit seiner ideologischen Flexibilität hadert). Es ist daher kein Zufall, dass die aussichtsreichsten „Anti-Romneys“ – Herman Cain, Rick Perry und Newt Gingrich – als konservative Südstaatler alle ein vergleichsweise ähnliches Profil aufweisen.

Die republikanische Basis konnte sich lange Zeit nicht für den „etablierten“ Gingrich erwärmen. Die Tatsache, dass er eine außereheliche Affäre (mit seiner nunmehr dritten Frau) hatte, während er aufgrund der Lewinsky-Affäre ein Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton vorantrieb, wird ihm immer noch übel genommen. Statt dessen zeigten die Kernwähler der Republikaner viel Sympathie für den weniger glatten „Newcomer“ Cain und den nicht minder hemdsärmeligen Perry, der als „George W. Bush on steroids“ beinahe alle Klischees eines typischen Republikaners erfüllt. Doch deren Fehler sind nun Gingrichs große Chance: Weil er richtig positioniert ist, bekommt er von der republikanischen Basis einen zweiten (oder dritten) Blick geschenkt.

Sollte es ihm gelingen, dieses kurzfristig gewonnene Momentum zu nutzen und sich gegenüber Perry und Cain abzusetzen, könnte er zum wichtigsten Gegenspieler Romneys werden und das große Stimmenpotenzial in der rechten Hälfte des obigen Charts abräumen. Seine Mitbewerber haben diese Gefahr wohl erkannt, denn es dürfte kein Zufall sein, wenn nun plötzlich neue Vorwürfe gegen Gingrich in Umlauf kommen. Sein Weg zur Nominierung ist alles andere als einfach, aber auch nicht vollkommen ausgeschlossen. Und Newt Gingrich hat eine Stärke, die ihm dabei helfen wird: Seine politische Ausdauer hat er in der Vergangenheit bereits mehrfach unter Beweis gestellt.

Dieser Beitrag ist von Stefan Bachleitner

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8 Rückmeldungen zu “Strategy Sunday: Positionierung”

  1. Lukas sagt:

    Mehrfach unter Beweis gestellt hat er aber auch, dass er relativ “gaffe-prone” ist. Die ‘tough guy der sagt was er will’-Einstellung hat auch große Nachteile. Mit der Kritik am medicare reform plan von Paul Ryan hat Gringrich seine eigene Kampagne schon kurz nach dem Start beinahe wieder begraben und musste zurückrudern. Romney ist da mit etwas mehr Bedacht unterwegs. Dass ihn Teile der GOP nicht mögen wird man nicht ändern können, dennoch wirken die Hochs der konservativer positionierten Kandidaten künstlich erzeugt und von begrenzter Dauer. Die Tea Party ist nach wie vor nur ein kleiner Teil der GOP. Ohne die Independents kann man die Wahl kaum gewinnen (außer die Arbeitslosigkeit steigt noch deutlich höher) und Romney könnte die noch am ehesten auf seine Seite ziehen…

  2. RP 2012 sagt:

    Berichtet Ihr hier eigentlich auch mal über Ron Paul? Immerhin ist er bei diversen Umfragen ganz vorne mit dabei, dass man hier gar nichts über ihn liest, ist daher eigentlich reichlich erstaunlich…

    • Yussi Pick sagt:

      Liebe Tracee,
      Danke für Ihren Beitrag. Es ehrt uns, dass das Büro des Abgeordneten unseren Blog liest. Natürlich werden wir auch über Ron Paul zu gegebener Zeit schreiben.

Trackbacks / Pingbacks

  1. [...] Das Romney-Lager hat also viel Geld investiert, um die Gingrich-Kampagne erfolgreich zurück in die zweite Reihe zu prügeln. Dafür nimmt sie auch in Kauf, dass Ron Paul (der ebenfalls von der Zersplitterung des konservativen BewerberInnenfelds profitiert) in Iowa zum erfolgreichen Abstauber werden könnte. Dessen Triumph würde seiner Kampagne zwar ein gewisses Momentum verleihen, Romney Strategen können aber getrost darauf vertrauen, dass der libertäre Dauerkandidat es schwer haben dürfte, die konservative republikanische Basis zu einen – schon alleine aufgrund seiner Positionierung. [...]

  2. [...] gehört zu den Kerndisziplinen der Politik (ich habe in diesem Blog schon vor Monaten darüber geschrieben). Wer die richtige Position einnimmt, muss den Entwicklungen nicht nachlaufen, sondern erwartet [...]


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