Kategorisiert | Iowa, Washington

Im Inneren eines Caucus

Am 3. Jänner starten die Vorwahlen zum/r republikanischen KandidatIn für die Präsidentschaft in Iowa. Anders als in New Hampshire, dem ersten Primary State, bestimmt Iowa durch Caucuses seine/n FavoritIn. Doch wie läuft so ein Caucus eigentlich ab und was ist der Unterschied zu einer Primary? USA2012 hat eine Teilnehmerin eines Caucus in 2008 befragt.

“Somehow, it felt really empowering,” beschreibt Myra Albu, heute Anwältin in der Nähe von Washington, DC, ihre Erfahrung als Teilnehmerin eines Caucus. 2008, als Jus-Studentin an der University of Washington in Seattle, hatte sie an einer solchen Mitgliederversammlung in einem Turnsaal in Seattle teilgenommen, um den oder die demokratische PräsidentschaftskandidatIn zu bestimmen. Eigentlich hätten die Vorwahlen mit Super-Tuesday eine Woche zuvor entschieden sein sollen und damit die Wahlen in allen nachfolgenden Staaten unwichtig gewesen. Doch Super-Tuesday kam und ging ohne eine Entscheidung zwischen Obama und Clinton herbeizuführen. Und so wurde Washington State mit seinen 78 Delegierten zum ersten Mal seit Jahrzehnten zur wichtigsten nächsten Station.

Um den/die KandidatIn für ein Amt zu bestimmen hat eine State-Party im Groben zwei Möglichkeiten: Entweder, sie veranstaltet eine Primary, also tatsächliche Wahlen, mit Stimmzettel und Wahlkabinen oder sie veranstaltet einen Caucus (1), eine Versammlung, bei der nach unterschiedlichen Regeln gewählt wird. In beiden Fällen gibt es offene und geschlossene Wahlen, je nach dem ob sie nur Parteimitgliedern oder allen Interessierten offen stehen. In Seattle muß man nicht einmal zur Wahl registriert sein: Man bekommt einen Zettel auf dem man sich – natürlich ohne Sanktionsmöglichkeit oder Bruch des Wahlgeheimnisses – verpflichtet, (bei) keine(r) andere(n) Partei zu wählen, berichtet Albu. Man deklariert gleichzeitig seine/n WunschkandidatIn, wird dementsprechend gruppiert. Vor einem zweiten, endgültigen Wahlgang werden einminütige Reden gehalten, um jene, die sich als Unentschlossen geoutet haben, umzustimmen. Die Gruppen müssen dann aus ihren Reihen Delegierte zur State Convention wählen, wo es, wie Albu erzählt, noch zu taktischem Wählen kommen kann. “We were pretty split beween Obama and Clinton, but there was someone in our group who wanted to send a delegate for John Edwards, in order to push the discourse to the left,” erzählt die Anwältin. Bundesweite Demokratie, heruntergebrochen auf Diskussionen von 30 Menschen in einem Turnsaal, einer Kirche oder Schule. Es ist “empowering” mit seinen NachbarInnen zu diskutieren und das Gefühl zu bekommen, dass man mit seiner Stimme mehr bewirken kann, als mit einem Kreuz am Wahlzettel. “But maybe it felt just so empowering, because my candidate won,” lächelt Albu.

Bei den Republikanern in Iowa läuft die Sache im Turnsaal etwas weniger kompliziert und weniger diskursiv ab: Jede/r, der/die kommt, darf nach einer kurzen Rede aller Kampagnen einmal mit Handzeichen, leerem oder vorgedrucktem Zettel wählen. Kompliziert wird es nur mit den unterschiedlichen Ebenen der State Party: “Delegates from the precinct caucuses go on to the county conventions, which choose delegates to the district conventions, which in turn selects delegates to the Iowa State Convention.” (2) Klingt eigentlich nach normaler Wahl, ist es aber nicht: Weil nur etwa 10% der WählerInnen einer Partei zum Caucus gehen, kann ein guter Organisationsgrad über Sieg oder Niederlage entscheiden. Insgesamt wird in 1.774 Precincts (Wahlsprengel) gewählt. McCain wurde 2008 von rund 600.000 Menschen gewählt, 10% davon, aufgeteilt auf 1700 Wahlsprengel macht also nur rund 40 Personen pro Sprengel, eine überschaubare Menge, um Kurzentschlossene noch zu überzeugen. Doch nur wer KampagnenvertreterInnen anwesend hat, kann Unentschlossene noch für sich gewinnen.

Deshalb, und weil die Klientel in Iowa überdurchschnittlich konservativ ist, wird das Ergebnis von Dienstag nicht aussagekräftig sein. Zusätzlich sind auch der zweite und dritte Platz interessant: Sollte etwa Rick Santorum Dritter werden, kann er eine Woche lang, bis New Hampshire mit Medienaufmerksamkeit rechnen. Ihm könnte aber dann ein ähnliches Schicksal wie Mike Huckabee widerfahren, der 2008 Iowa gewann, dessen Glanz aber eine Woche später in New Hampshire mit 11% verpuffte. Dass verlieren in Iowa nicht das Ende der Welt ist, zeigte Hilary Clinton. Sie schnitt 2008 phänomenal schlecht ab und landete sogar hinter John Edwards. Eine Woche später schaffte sie jedoch ihr Comeback und gewann. Was Iowa also vor allem ist, ist Futter für eine Woche mehr horse race Mediennarrative.

Einen Sieger oder eine Siegerin wird es aber auf jeden Fall geben, nämlich jene Person, die die ersten drei Plätze richtig errät. Der/Die bekommt eine offizielle Obama 2012 Schürze von uns. Die Teilnahmebedingungen hier.

Zugabe: Wer ein paar Minuten Zeit hat, sollte sich dieses Video der Demokratischen Caucasus in Iowa 2008 ansehen, um einen Geschmack zu bekommen, wie Mikrodemokratie funktioniert:

(1)Wobei die Beschreibung “eine/n KandidatIn für ein Amt zu bestimmen” natürlich unscharf ist: Tatsächlich, wie bei den allgemeinen Wahlen auch, wählen die Mitglieder nicht direkt, sondern Delegierte zur National Convention, die wiederum den/die KandidatIn wählen.

(2) http://en.wikipedia.org/wiki/Iowa_caucuses#Republican_Party_process

Dieser Beitrag ist von Yussi Pick

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2 Rückmeldungen zu “Im Inneren eines Caucus”

  1. Robert sagt:

    Danke für den Beitrag, ich wollte schon länger wissen wie so ein caucus abläuft. Ich finde das System ziemlich interessant. Ein gutes Beispiel für gelebte Demokratie.

Trackbacks / Pingbacks

  1. [...] der Caucuses) verkünden können. Schon letztes Jahr haben wir uns damit beschäftigt, wie Caucuses ablaufen, dabei haben wir unter anderem behauptet, Iowa’s WählerInnen wären konservativer als [...]


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