Strategy Sunday: Framing

Objektiv betrachtet, mag es egal sein, ob ein Glas halb voll oder halb leer ist. Doch im politischen Diskurs macht es einen großen Unterschied.

Wer das politische Geschehen aufmerksam verfolgt (und dabei unterschiedliche Quellen vergleicht), hat sicherlich schon oft bemerkt, wie unterschiedlich manche Ereignisse oder das Verhalten einiger AkteurInnen interpretiert werden können.

So sind manche Veränderungen für die einen „viel zu drastisch“, während sie anderen „nicht weit genug“ gehen. Was eine Regierung oft als „großen Fortschritt“ verkauft, wird von der Opposition regelmäßig als „Rohrkrepierer“ gebrandmarkt. Und auch das Verhalten eines Kandidaten, der z. B. nicht zu kantigen Ansagen neigt, kann entweder als „bedächtig“ oder auch als „feig“ gedeutet werden. Welches Bild sich letztlich (in den Massenmedien und den Köpfen der WählerInnen) durchsetzt, ist maßgeblich davon abhängig, wer den besseren Deutungsrahmen liefert.

Der Versuch, diesen Rahmen zu beeinflussen, wird als „Framing“ bezeichnet – und gerade in einem Wahlkampf kommt diesem Bemühen eine große Bedeutung zu. Vor allem in einer Hinsicht: Wer den Rahmen vorgibt, „worüber“ die WählerInnen bei einer Wahl abstimmen, beeinflusst letztlich auch „für wen“ sie sich entscheiden. Die Präsidentschaftswahlen in den USA bieten zahlreiche Beispiele dafür.

It’s the economy, stupid

1992 galt der amtierende US-Präsident George H. W. Bush als nahezu unschlagbar, fielen doch ein rasch gewonnener Golfkrieg und die Beendigung des Kalten Krieges in seine erste (und letzte) Amtszeit. Bush präsentierte sich als Architekt einer neuen Weltordnung, doch mit der Formel „It’s the economy, stupid“ gelang es seinem Herausforder Bill Clinton, die Wahl zu einer wirtschafts- statt einer außenpolitischen Entscheidung werden zu lassen – und Bush damit an seinem wunden Punkt zu treffen.

Day one, job one.

Auch die Kampagne Mitt Romneys zielt darauf ab, die kommende Wahl zu einer Urabstimmung über die Wirtschaftspolitik Obamas zu machen. Eine naheliegende Strategie, machen doch zahlreiche Analysen Obamas Wiederwahlchancen von der Entwicklung des Arbeitsmarkts abhängig (so hält z. B. Nate Silver 150.000 neue Jobs pro Monat für Obamas „magische Zahl“ in diesem Jahr). Romney wirft Obama vor, die hohe Arbeitslosigkeit mitverursacht zu haben – und versucht, sich als „job creator“ zu präsentieren, der den amerikanischen Wirtschaftsmotor wieder in Gang bringen wird. 

„Choice“ vs. „Referendum“

Die Kampagne von Barack Obama hat sich bereits frühzeitig auf Romney als Gegenkandidaten eingestellt und weiß, wie gefährlich ein Referendum über seine erste Amtszeit dem Präsidenten werden kann. Darum konzentriert sie sich darauf, die Wahl als „choice“ zwischen zwei unterschiedlichen Konzepten darzustellen. Auf der einen Seite sieht Obama eine „faire Wirtschaft“ (für die er zuletzt einen Steuerplan vorgestellt hat), auf der anderen Seite die Gefahr einer Rückkehr zu jener Politik, die letztlich zur Wirtschaftskrise geführt hat.

Wie im obigen Video richtig vorhergesagt wurde, hat Obama diesen Gegensatz in seiner jüngsten Rede zur Lage der Nation bereits deutlich herausgearbeitet – ein Motiv, das in den kommenden Monaten wohl ein Mantra seiner Kampagne werden wird.

Obama folgt damit einem Drehbuch seines Vorgängers Georg W. Bush, der aus den Fehlern seines Vater gelernt hatte. Konsequent stellte Bush den Gegenspieler seiner Wiederwahlkampagne, John Kerry, als Bedrohung für die Sicherheit und das Wertesystem der USA dar, indem er ihn zum „Massachusetts moderate“ stempelte. Trotz schwächelnder Zustimmungsraten konnte er dadurch das Lager seiner Anhänger erneut mobilisieren. Eine Ironie der Geschichte, dass nun Newt Gingrich das Etikett „Massachusetts moderate“ im harten republikanischen Vorwahlkampf gegen Mitt Romney verwendet – und es Obama damit etwas leichter macht, seinen „Frame“ zu setzen.

Dieser Beitrag ist von Stefan Bachleitner

Stefan Bachleitner hat 87 Beiträge in diesem Blog verfasst.

Übersicht aller Beiträge von Stefan Bachleitner

4 Rückmeldungen zu “Strategy Sunday: Framing”

  1. Alexander sagt:

    Die Republikaner stehen ohnehin an der Kippe des totalen Auseinandanderbrechens. Man darf sich die Frage stellen wie lange diese Partei die Radikalen und tatsächlich “nur” Konservativen unter einem Dach behalten kann.

Trackbacks / Pingbacks

  1. [...] Stärke und Law & Order dominieren. Um eine erfolgreiche Kampagne zu schlagen, gilt es, Frames zu setzen, welche das eigene Wertebild [...]

  2. [...] Obama liefert einen wahlkampftauglichen Interpretationsrahmen für die neue Entwicklung, indem er die Verantwortung dafür den Republikanern in die Schuhe [...]

  3. [...] Obwohl Steuern in der Realität kein Gewicht haben, wird eine „Steuererleichterung“ in diesem Frame immer als Befreiung von unnötigem Ballast [...]


Hinterlassen Sie eine Rückmeldung

Vor dem Senden dieses Formulars:
Diese Test stammt von Not Captcha

Tage
-248
-3
Stunden
-1
-7
Min.
-1
0
Sek.
-4
-6
USA2012.at ist ein Projekt von:
Stefan Bachleitner | Josef Barth | Yussi Pick