Strategy Sunday: Konterspiel

Foto: Denis Apel

Eine der ältesten Grundregeln des Kampagnenmanagements lautet, die eigenen Stärken gegen die Schwächen des Mitbewerbs einzusetzen. Wenn KandidatInnen sehr unterschiedliche Profile aufweisen, ist ihr Wahlkampf-Drehbuch meist leicht vorherzusehen. Doch es gibt immer wieder unkonventionelle strategische Ansätze – gerade in den USA …

Beginnen wir mit einem ganz klassischen Setting: Eine/n KandidatIn mit anerkannter außenpolitischer Kompetenz tritt gegen eine/n Mitbewerber/in mit geringer Erfahrung in diesem Bereich an – es liegt auf der Hand, dass er/sie diese Stärke zu einem zentralen Thema der eigenen Kampagne macht. Dem/der GegenspielerIn wird vielleicht mehr sozialer Gerechtigkeitssinn zugeschrieben – weshalb er/sie umgekehrt alles daran setzen wird, diesem Kriterium im Wahlkampf möglichst viel Bedeutung zu verleihen. In der Folge wird sich die Auseinandersetzung um die Frage drehen, ob außen- oder sozialpolitische Kompetenz für die Zukunft des Landes bzw. die zu wählende Position wichtiger ist. Die wechselseitigen Attacken auf die Schwächen des Gegenübers sind absehbar.

Die Rove-Methode

Zu den ungewöhnlicheren – und riskanteren – Strategien zählt es hingegen, auf die Stärken eines Gegners loszugehen. Perfektioniert wurde diese Methode von Karl Rove, einem der wichtigsten Berater des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush. Im Präsidentschaftswahlkampf 2004 trat mit John Kerry ein (u. a. mit drei „Purple Hearts“) hochdekorierter Militärheld auf Seiten der Demokraten an, während Bush – der während des Vietnamkriegs in der Nationalgarde eine eher ruhige Kugel schob – sich mit dem Vorwurf konfrontiert sah, ein (sich vor dem Krieg drückender) „draft dodger“ gewesen zu sein.

Im klassischen Kampagnenverständnis hätte die Bush-Kampagne sich also davor hüten müssen, im US-Wahlkampf eine Diskussion über militärische Leistungen loszutreten. Doch Karl Rove entschied sich dafür, diese Stärke Kerrys frontal anzugreifen und attackierte ihn mit einer Schmutzkübelkampagne, die als Swiftboating inzwischen einen fixen Platz im politischen Vokabular der USA eingenommen hat. Kerry wurde dabei vorgeworfen, ein militärisch unfähiger Feigling zu sein – was seine Glaubwürdigkeit massiv beschädigte und ihn daran hinderte, eine seiner größten Stärken auszuspielen.

Die von Rove gewählte Offensiv-Strategie passte perfekt zu einem zweiten Schachzug, den die Bush-Kampagne 2004 setzte, nämlich den Mitbewerber für jene Schwächen zu kritisieren, die einem selbst vorgeworfen werden. Diese Form des Konterns kann man derzeit auch bei Mitt Romney beobachten, der die Kampagnendrehbücher von Karl Rove eingehend studiert haben dürfte.

„Turn the tables“

Mitt Romney wird bekanntlich vorgeworfen, ein moderater Flip-Flopper zu sein, dessen Überzeugungen sich stets an der politischen Großwetterlage orientieren. Statt sich dafür zu rechtfertigen, setzt er diesen Vorwurf allerdings kontinuierlich gegen seine Mitbewerber im Kampf um die Nominierung zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten ein. Nach Herman Cain und Newt Gingrich attackierte er zuletzt Rick Santorum mit dem Vorwurf, ein berechnender Politiker zu sein, der eine Reihe von Positionen im Kongress nur aus Gründen der Zweckmäßigkeit eingenommen hat. In der Praxis sieht das z. B. so aus:

Diese Strategie ist – so wie die holländische Verteidigung im Schach – hoch riskant, da die damit verbundenen Argumente letzlich auch gegen Romney vorgebracht werden können. Sie trägt allerdings dazu bei, die Schwächen Romneys zu neutralisieren – und war bislang auch deshalb effektiv, weil er damit vermeiden konnte, in die Defensive gedrängt zu werden. Konterangriffe sind eben oft die beste Verteidigung …

Dieser Beitrag ist von Stefan Bachleitner

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