Strategy Sunday: Kleinstadthorror

Die Kampagne von Rick Santorum reitet seit dieser Woche eine neue Attacke auf Amtsinhaber Barack Obama und hat damit – durchaus erfolgreich – ein neues Thema in den Vorwahlkampf der Republikaner eingebracht: das Leben abseits der Städte. Eine Strategie mit Haken.

Der neueste TV-Spot von Rick Santorum wirkt wie der Kinotrailer eines Horror-Schockers. Detailreich illustriert er das Sterben einer typisch amerikanischen Kleinstadt, falls Barack Obama sich die Wiederwahl sichern sollte. Ob Arbeitslosigkeit, Benzinpreise oder Ahmadinedschad – das Grauen hat ein neues Zuhause gefunden: Welcome to Obamaville …

Ein Spot, der unter die Haut geht – und Santorums Kampagne dementsprechend viel Aufmerksamkeit gesichert hat. Die aggressive Attacke ist in mehrfacher Hinsicht clever angelegt:

  • Santorum greift mit diesem Spot den Amtsinhaber an, was bei der (langsam etwas vorwahlmüden) republikanischen Basis natürlich besser ankommt als der parteiinterne Hickhack.
  • Er versucht damit, sich als Herausforderer Obamas zu präsentieren. Eine bewährte Strategie: Die Vorwegnahme des Vorwahl-Ergebnisses soll den eigenen Reihen Zuversicht vermitteln, dass Santorum tatsächlich zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner gekürt werden könnte.
  • Als Schutzpatron der Kleinstädte knüpft er direkt an das Selbstverständnis der republikanischen Basis an, die in den Latte Macchiato-Eliten der Großstädte eine Verschwörung gegen ihren Lebensstil wittert.
  • Und – last, but not least – gelingt es Santorum damit, den Kontrast zum deutlich urbaneren Mitt Romney zu verstärken. Ein echter Republikaner, so die tiefere Logik dieses Spots, muss sich vom unmoralischen Selbstverständnis der Großstädte fernhalten.

Wirksame Kerbe

Die Kampagne Santorums schlägt damit in eine durchaus wirksame Kerbe. Untersuchungen zeigen, dass die Polarisierung zwischen urbanen und ländlichen WählerInnen bei US-Wahlen immer stärker wird (und inzwischen relevanter ist als das unterschiedliche Wahlverhalten zwischen dem Norden und dem Süden des Landes). Die Unterschiede in der Demografie, in der Wirtschaftsstruktur und im Lebensstil tragen dazu bei, dass es immer schwieriger wird, gleichzeitig in den Städten und am Land zu punkten.

Mit diesem Problem kämpft auch Mitt Romney. Wie Mica Cohen vom Wahlblog FiveThirtyEight.com feststellt, kommt Romney bei RepublikanerInnen in der Stadt weitaus besser an als außerhalb der Ballungszentren. In urbanen Wahlkreisen konnte Romney rund 40 % der WählerInnen für sich gewinnen, während sich Santorum dort nur 26 % der Stimmen holte. In nicht-urbanen Wahlkreisen hat hingegen Santorum mit 34 % der WählerInnen (gegenüber 30 % für Romney) die Nase vorne.

Der Haken

Trotzdem hat die Offensive Santorums einen großen Haken. Denn was er hier als Stärke präsentiert, ist bei genauerer Betrachtung sein Schwachpunkt – weil Wahlen (insbesondere in den USA) in den Städten entschieden werden. Über 60 % der US-Bevölkerung leben heute in urbanen Ballungszentren mit mehr als 200.000 EinwohnerInnen – Tendenz steigend. Zum Vergleich: In diese Kategorie würden es in Österreich gerade einmal Wien und Graz schaffen, wo zusammengerechnet nur etwa ein Viertel der österreichischen WählerInnen lebt.

Die Fokussierung auf das Lebensgefühl der Kleinstädte mag Santorum vielleicht im Vorwahlkampf der Republikaner nützen, im Wettstreit mit Barack Obama ist sie aber eine Sackgasse – denn schon 2008 sicherte sich Obama die Wahl mit einem deutlichen Vorsprung in den Städten. Mitt Romney ist also letztlich deshalb ein deutlich gefährlicherer Gegner für den Amtsinhaber, weil er bei urbanen WählerInnen punkten kann. Mal sehen, ob er das auch der republikanischen Basis vermitteln kann …

Dieser Beitrag ist von Stefan Bachleitner

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