Warum Santorum aufgibt

Mit dem Ausscheiden von Rick Santorum neigt sich das Rennen um die Nominierung des republikanischen Präsidentschaftskandidaten dem Ende zu. Der Darling der Evangelikalen macht den Weg frei für Mitt Romney – und beweist damit ein weiteres Mal taktisches Geschick.

Rick Santorum mag heute seine Ambitionen aufgegeben haben, der diesjährige Präsidentschaftskandidat der Republikaner zu werden, doch betrachtet man seine Ausgangsposition und das Resultat der von ihm geführten Kampagne, dann ist er einer der – wenn nicht der – Gewinner der republikanischen Vorwahlen. Dank einer soliden, mit kantigen „wedge issues“ auf die republikanischen Basis ausgerichteten Kampagne gelang es ihm, zum relevantesten Gegenspieler des von Beginn an als Favoriten gehandelten Mitt Romney zu werden. Ein hart erarbeiteter Erfolg.

Als Santorum mit hohem persönlichen Einsatz die symbolisch wichtigen Vorwahlen in Iowa für sich entscheiden konnte, machte er zum ersten Mal auf den Kampfgeist seiner Kampagne aufmerksam. Nachdem er im Windschatten der darauf folgenden Vorwahlen beinahe untergetaucht war, unterstrich er mit einem unerwarteten Hattrick bei den Primaries in Minnesota und Colorado sowie der unverbindlichen „Beauty Contest“-Vorwahl von Missouri am 7. Februar eindrucksvoll seine Relevanz als Kandidat. Spätestens am Super Tuesday sicherte er sich dann die Rolle als „Anti-Romney“ und holte sich in weiterer Folge – nach einem deutlichen Sieg in Kansas – auch die Südstaaten Alabama und Mississippi (sowie zuletzt Louisiana). Für einen Außenseiter eine beachtliche Bilanz.

Die Mathematik als Gegner

Zuletzt hatte Santorum allerdings einen noch erbitterten Gegner als Mitt Romney und Newt Gingrich zusammen: die Mathematik. Um sich noch die Nominierung zu sichern, hätte Santorum nach den jüngsten Vorwahlen vom 3. April rund 75 % der verbleibenden Delegierten gewinnen müssen – bis dahin hatte er gerade einmal ein Viertel geholt (während Mitt Romney bei über 50 % der Delegierten hält). Eine genauere Analyse zeigt, dass er selbst mit einem guten Abschneiden bei den verbleibenden, großen „winner-takes-all“-Primaries keine Chance mehr gehabt hätte, genug Delegierte für eine Mehrheit zu sammeln.

Tatsächlich stehen nur mehr drei reine „winner-takes-all“-Vorwahlen auf dem Programm: Delaware (24. April), New Jersey (5. Juni) und Utah (26. Juni). In allen diesen Bundesstaaten spricht vieles für einen Erfolg von Romney: Delaware ist eher moderat, in New Jersey hat Romney den populären Gouverneur Chris Christie als Wahlkämpfer auf seiner Seite und Utah ist für den Mormonen Romney quasi ein Heimspiel.

Keine Chance auf eine Mehrheit

In Texas und Kalifornien, wo zusammen immerhin 327 Delegierte vergeben werden, gilt zwar das „winner-takes-all“-Prinzip, aber nicht landesweit, sondern nur pro Kongress-Wahlkreis („congressional district“). Hillary Clinton hat 2008 die demokratischen Vorwahlen in Texas mit fünf Prozentpunkten Vorsprung vor Barack Obama gewonnen – und dafür nur 9 Delegierte mehr erhalten.

Im Klartext heißt das: Mitt Romney war für Santorum nicht mehr einholbar. Selbst wenn Romney den einen oder anderen Bundesstaat verloren hätte, wäre er wohl überall zumindest als guter Zweiter ins Ziel gegangen – und hätte damit kontinuierlich Delegierte gesammelt. Das Drehbuch dafür könnte er sich von niemand geringerem als Barack Obama abgeschrieben haben, dessen Kampagne 2008 sich ungeachtet jeder Dynamik konsequent an der Delegiertenarithmetik orientierte.

Mit seinem Rückzug stellt Santorum nun sicher, dass Mitt Romney problemlos die erforderlichen Delegierten für eine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten sammeln kann – und verhindert damit den größten Albtraum seiner Partei, eine „brokered convention“. Ein derartiger Parteitag der Republikaner wäre als Fehlstart in die Hauptwahlkampagne fast gleichbedeutend mit der Wiederwahl von Barack Obama gewesen. Santorum zeigt also mit seiner Entscheidung Parteiräson, was wohl in künftigen Kampagnen nicht zu seinem Nachteil sein wird (immerhin ist er neun Jahre jünger als Romney). Und er bremst damit ein letztes Mal in diesem Vorwahlkampf das alte Schlachtross Newt Gingrich aus.

Newt im Out

Als cleverer Taktiker und angriffiger Debattenredner konnte Gingrich zwar zeitweilig die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, letztlich war die mehrfach zelebrierte „Wiederauferstehung“ seiner Kampagne aber nur ein Aufbäumen gegen die Macht des Faktischen. Gingrichs Kampagne war bereits im Juni vergangenen Jahres am Rande des Scheiterns angelangt, als aufgrund interner Spannungen ein wesentlicher Teil seines Beraterstabs das Handtuch warf. Von diesem Schlag hat sich Gingrich letztlich nie erholt, denn er verlor damit wertvolle Zeit, die er für den Aufbau einer schlagkräftigen Kampagnenstruktur benötigt hätte. Und eine solche Struktur – das beweisen die Vorwahlen dieses Jahres wieder einmal – ist eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, um sich bei den Primaries durchzusetzen.

Auch wenn sich Gingrich nun als „last conservative standing“ präsentiert: Seit seinem enttäuschenden Abschneiden bei den Vorwahlen in Mississippi und Alabama (Südstaaten, die er eigentlich gewinnen hätte müssen) sowie im delegiertenstarken Illinois ist selbst seinen treuesten Finanziers klar, dass Gingrichs Kampagne aussichtslos ist – weshalb dieser sich bereits zu einer Verkleinerung seines Wahlkampfteams gezwungen sah. Zuletzt präsentierte er seine Kandidatur noch als zwingende Voraussetzung zur Verhinderung Mitt Romneys (obwohl er bei der von ihm damit angestrebten „brokered convention“ vielleicht nicht einmal als Kandidat zugelassen werden würde). Dieses Argument hat nun jede Legitimation verloren – und Newt damit den Zeitpunkt verpasst, seinem Ausstieg einen Hauch von Großmut zu verpassen. Er hätte sich wohl besser an der Powell-Doktrin orientieren sollen – die sieht für jeden Konflikt eine Exit-Strategie vor.

Dieser Beitrag ist von Stefan Bachleitner

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