Strategy Sunday: Humor

Humor wird in politischen Kampagnen ein immer wichtigeres Instrument. Bedauerlicherweise hat die österreichische Politik noch nicht erkannt, dass Humor erst dort beginnt, wo der Spaß aufhört.

In weniger als zwei Wochen hält US-Präsident Barack Obama eine seiner unterhaltsamsten Reden dieses Jahres, denn am letzten Samstag im April findet traditionell das „White House Correspondents’ Dinner“ statt. Zu den Fixpunkten des Programms dieser Veranstaltung zählt eine launige Rede des US-Präsidenten, der an diesem Abend – wo zwischen der politischen Administration und dem Pressekorps für ein paar Stunden lang Waffenstillstand herrscht – sein humoristisches Talent beweisen muss.

Derartige Auftritte sind ein aufgelegter Elfmeter für den Amtsinhaber, der die – seit 1920 bestehende – Veranstaltung im vergangenen Jahr nutzte, um die Verschwörungstheorien über seine Geburtsurkunde ins Lächerliche zu ziehen. Doch Obama hat es damit noch lange nicht geschafft, sich als bester Entertainer im Weißen Haus einen Namen zu machen. Mein Favorit unter den Einlagen, die US-Präsidenten der versammelten Hauptstadtpresse bislang servierten, ist das folgende Video. Bill Clinton nahm darin die letzten Tage seiner Amtszeit (die jeder Präsident als lame duck meistern muss) mit einer großen Portion Selbstironie auf die Schippe. Auch die dazugehörige Rede ist übrigens sehr unterhaltsam – vor allem die Passage, in der sich Clinton Gedanken über die Formulierung seines Lebenslaufs macht.

Selbst der nicht für seine Wortgewandtheit berühmte Nachfolger Clintons, George W. Bush, konnte im Rahmen dieser einzigartigen Veranstaltung beweisen, dass er über seine Schwächen lachen kann – und damit manchem Kritikpunkt an ihm die Schärfe nehmen:

George W. Bush lieferte allerdings auch ein Beispiel dafür, wie gefährlich das Terrain der Unterhaltung sein kann. Als er im Rahmen seiner Ansprache auf dem „White House Correspondents’ Dinner“ im Jahr 2004 jene „weapons of mass destruction“, die als Vorwand für den Krieg gegen den Irak dienten, unter dem Schreibtisch des Oval Office suchte, musste er dafür massive öffentliche Kritik einstecken.

Warum Humor stark macht

Das „White House Correspondents’ Dinner“ ist jedenfalls eine gute Gelegenheit, einen Blick auf die Bedeutung von Humor in der politischen Kommunikation zu werfen. Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum er für PolitikerInnen sehr wichtig sein kann:

  • Humor macht menschlich und sympathisch. Er trägt dazu bei, eine Verbindung zu den Menschen aufzubauen, denn wer z. B. über sich selbst lachen kann, zeigt damit auch, sich nicht für etwas Besseres zu halten (über ein gutes Beispiel dafür haben wir in diesem Blog bereits berichtet). Ein guter Sinn für Humor ist jedenfalls ein Zeichen von sozialer Intelligenz und stärkt die Bindung zum Wahlvolk – denn gemeinsames Lachen stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl.
  • Humor sorgt für Aufmerksamkeit. Gelungene Pointen üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die Medien aus, weshalb ein unterhaltsamer „Sager“ viel dazu beitragen kann, mit der eigenen Botschaft durchzukommen. Beispielsweise gelang es US-Präsident Obama mit der zugespitzten Formulierung, die Republikaner würden mit dem Grenzschutz erst dann zufrieden sein, wenn es an den US-Grenzen „einen Graben mit Alligatoren“ geben würde, auf die Überzogenheit ihrer (immer wieder nach oben geschraubten) Forderungen hinzuweisen.
  • Humor kann Kritiker entwaffnen. So wie er Missgeschicke oft etwas erträglicher machen kann, ist er auch in der Lage, Fehler und Kritikpunkte abzuschwächen. Die politische Geschichte ist voller Beispiele dafür – so hat Abraham Lincoln (dessen schiefes Antlitz man heute wohl als Radiogesicht bezeichnen würde) den Vorwurf der Doppelgesichtigkeit mit der Bemerkung „If I had two faces, would I be wearing this one?“ durchaus erfolgreich gekontert.

Humor wird wichtiger

Der mediale Trend zum „Infotainment“, mit dem auf unterhaltsame Weise versucht wird, einem zunehmend desinteressierten Publikum (politische und anderweitige) Sachverhalte zu vermitteln, macht Humor zu einer immer bedeutsameren Voraussetzung für erfolgreiche politische Kommunikation. So zeigt sich der Kommunikationswissenschaftler John Meyer von der University of Southern Mississippi davon überzeugt, dass Humor in der Politik heute wichtiger ist als jemals zuvor: „I think the more we have had media involved in our presidential campaigns, the more humor has become a force for presidents to use both in becoming elected and in becoming an effective president,“ so Meyer in einem lesenswerten Artikel zu diesem Thema.

Stimmt seine Einschätzung, so hat Mitt Romney im November keine guten Karten – denn während Obama sich dieses Instruments (zumindest gelegentlich) durchaus wirksam zu bedienen weiß, bemüht sich Mitt Romney bislang eher erfolglos, seine humorvolle Seite zu präsentieren …

Romney wirkt dabei durch und durch wie ein österreichischer Politiker, denn der Einsatz von Humor in der heimischen Politik entspricht im Vergleich zu jenem in den USA in etwa dem dem Verhältnis zwischen dem Villacher Fasching und amerikanischen Stand-Up Comedians (wie z. B. Russell Peters, wenn wir schon beim Thema Schmerzen sind).

Spaß beiseite

Hierzulande wird Humor in der Politik eher mit dem gehässigen Gaudium auf einem politischen Aschermittwoch gleichgesetzt, wo die schenkelklopfende Verunglimpfung des politischen Gegners auf der Tagesordnung steht – und in etwa so humorvoll ist wie ein frauenfeindlicher Witz. Typen wie Herbert Kickl haben zahlreiche Beispiele für die Kluft zwischen Kalauer und Humor geliefert.

Wird es in der heimischen Politik „lustig“ (die Anführungszeichen sind ebenso berechtigt wie unnötig), so geht es nicht darum, die Menschen zu verbinden, sondern darum, sie zu trennen. Statt der feinen Klinge dominiert die gehässige Keule, Ironie ist quasi verboten und Selbstironie – bis auf wenige, kontrollierte Ausnahmen (wie z. B. der Pröll-Glatzen-Skihaube oder einigen, leider nicht im Netz auffindbaren Wahlkampfspots der Grünen) – gleichsam Mangelware. Es sieht traurigerweise so aus, als sei die österreichische Politik nicht selbstbewusst genug, um sich über sich selbst lustig machen zu können – und auch in ernsten Situationen jene souveräne Gelassenheit an den Tag zu legen, die zu den Grundbedingungen guten Humors zählt.

Von Oscar Wilde stammt der kluge Satz, das Leben sei „viel zu wichtig, um ernsthaft darüber zu reden“ (übrigens ein schönes Beispiel für eine Sustention). Die hiesigen PolitikerInnen sollten diesen Rat zumindest gelegentlich beherzigen, denn eine gesunde Distanz zur eigenen Bedeutsamkeit wäre ein Zeichen demokratischer Reife. Und ich könnte uns allen schon jetzt viel Spaß dabei wünschen.

Dieser Beitrag ist von Stefan Bachleitner

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2 Rückmeldungen zu “Strategy Sunday: Humor”

Trackbacks / Pingbacks

  1. [...] große Worte, mit Verweis auf den StrategySunday zu Humor, die gestrigen Auftritte von Barack Obama und Jimmy Kimmel am traditionellen White House [...]

  2. [...] Distanz verliert, die für eine objektive Berichterstattung erforderlich ist. Nicht nur das lockere White House Correspondents Dinner dient diesen KritikerInnen als Beleg für das „shmoozing“ zwischen den Medien und dem Weißen [...]


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