Strategy Sunday: Breaking Bad News

Schlechte Nachrichten gehören zum Leben. Dennoch beherrschen nur wenige Menschen die Kunst, „Hiobsbotschaften“ professionell zu überbringen. Dabei ist gerade diese Fähigkeit in der Politik immer wieder gefordert – wie auch Beispiele aus den USA belegen.

Für manche Menschen gehört das Überbringen schlechter Nachrichten zum Beruf. In nahezu jeder Tatort-Folge gibt es diese Szene, in der die PolizistInnen bei den noch unwissenden Angehörigen eines Opfers klingeln müssen. Auch ÄrztInnen, die regelmäßig als erste von einer bitteren Wahrheit Kenntnis erlangen, kennen diese Situation. Keine Wunder also, dass es in den Blaulichtberufen einiges an Fachliteratur zum Thema „Breaking Bad News“ gibt (auch wenn deren Erkenntnisse bedauerlicherweise nicht immer in die Berufsausbildung einfließen dürften).

Schlimme Neuigkeiten mitzuteilen ist schließlich eine schwere Aufgabe, die niemand gerne übernimmt – aus gutem Grund. In der Antike wurden die Überbringer von schlechten Botschaften nicht selten bestraft, manchen Überlieferungen zufolge auch mit dem Tod. Denn schlechte Nachrichten lösen – je nach Grad der Betroffenheit unterschiedlich starke – Emotionen aus, die sich auch an der Person entladen können, die eine Unglücksmeldung kundtun muss (insbesondere dann, wenn diese Person nicht den richtigen Ton trifft).

In der Politik wird das Überbringen negativer Botschaften daher gerne delegiert, wie man auch hierzulande beobachten kann: Gute Nachrichten gehören den Häuptlingen, schlechte den Indianern. Doch in gravierenden Angelegenheiten können sich selbst US-Präsidenten nicht vor dieser Aufgabe drücken. Ein Beispiel dafür ist die folgende Rede des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton, mit der er 1998 seine Affäre mit Monica Lewinsky eingestand (hier der Volltext seiner Erklärung):

Wie sich hier zeigt, ist das Überbringen schlechter Nachrichten besonders unangenehm, wenn man dafür auch noch (mit)verantwortlich ist oder gemacht werden kann. UnternehmerInnen, die MitarbeiterInnen entlassen müssen. Menschen, die sich von ihrem/ihrer PartnerInnen trennen. PolitikerInnen, in deren Ressort Steuergelder verspekuliert wurden. Produktmängel, Betriebsunfälle, Projektverzögerungen, Fehlentscheidungen – die Zeitungen sind voll von solchen Geschichten.

Vogel-Strauß-Politik

Es ist eine nahe liegende Reaktion, das Überbringen solcher schlechten Nachrichten bzw. das Eingestehen von Fehlern vermeiden zu wollen. Hand aufs Herz: Wer hat noch nie einen Fehler gemacht und darauf gehofft, dass ihn niemand bemerkt und sich das Problem von selbst löst? Verdrängung ist schließlich durch und durch menschlich.

In kritischen Situationen ist es allerdings höchst gefährlich, den Kopf in den Sand zu stecken und die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen. Nicht selten machen die Versuche, einen Fehler unter den Teppich zu kehren, das Problem erst richtig groß – wie bei einem Roulettespieler, der seine Verluste mit immer höheren Wetteinsätzen kompensieren möchte und sich damit erst richtig um Kopf und Kragen bringt. (Auch Bill Clinton hätte sich viel erspart, wenn er die obige Erklärung etwas früher abgegeben hätte – denn das Amtsenthebungsverfahren gegen ihn beruhte nicht auf seiner außerehelichen Affäre, sondern auf seiner Falschaussage in dieser Angelegenheit.)

Bei großen Finanz- und Politikskandalen ist dieses Muster fast immer anzutreffen. Sehr häufig ist die Aufregung über die versuchte Vertuschung in diesen Fällen mindestens ebenso groß als jene über den Schaden – schließlich hätten die davon Betroffenen ein Recht gehabt, darüber informiert zu werden. Und wo dieses Recht mißachtet wird, ist ein schwerer Vertrauensverlust die Folge.

Sollten Sie mal in der Situation von Bill Clinton sein …

Allen PolitikerInnen, die das hier lesen, sei es ins Poesiealbum geschrieben: Es ist nicht möglich, aus schlechten Nachrichten gute Nachrichten zu machen. Unangenehme Wahrheiten auszusprechen ist niemals einfach. Doch es ist eine Fähigkeit, die vor Schlimmerem bewahrt – und die Angst davor lässt sich lindern. Denn aus der Krisenkommunikation kennen wir eine lange Liste an Empfehlungen für das professionelle Vermitteln schlechter Nachrichten. An dieser Stelle seien nur einige davon aufgezählt (die je nach Situation unterschiedlich bedeutsam sein können):

  • Transparenz statt Salami-Taktik: Halten Sie keine Fakten zurück, indem Sie die Tatsachen „scheibchenweise“ bekanntgeben. Legen Sie besser alle schlechten Nachrichten auf einmal auf den Tisch – dann kann rascher mit deren Verarbeitung begonnen werden (und Sie sind schneller aus den Schlagzeilen). Legen Sie auch offen, welche Informationen Ihnen noch fehlen und wann Sie diese vorlegen können.
  • Versachlichen Sie die Situation: Reden Sie nicht lange um den heißen Brei, sondern konzentrieren Sie sich auf die Fakten. Vermeiden Sie Spekulationen, Übertreibungen, Bagatellisierungsversuche, die Relativierung von Folgen oder gar das Leugnen von Tatsachen.
  • Seien Sie empathisch: Wählen Sie Ihre Worte mit Bedacht und achten Sie darauf, die Betroffenen nicht zu verletzen. Sachlich zu sein bedeutet schließlich nicht, arrogant, ignorant oder verständnislos wirken zu müssen.
  • Informieren Sie direkt und achten Sie darauf, wen Sie wann informieren: Das Recht auf Information ist je nach Betroffenheitsgrad unterschiedlich. Angehörige von Opfern haben ein Recht darauf, direkt und nicht von Dritten informiert zu werden. Nichts ist schlimmer, als etwas in den Nachrichten lesen zu müssen, worüber man eigentlich persönlich informiert werden hätte müssen.
  • Zeigen Sie Verantwortung: Stehen Sie zu Ihrer Zuständigkeit. Dazu gehört auch, Kritik und Emotionen nicht abzuwehren, sondern auszuhalten. Bunkern Sie sich nicht ein, sondern belegen Sie, dass Sie das Problem ernst nehmen und an einer Minimierung/Beseitigung/Wiedergutmachung des Schadens arbeiten.

Im Sinne der obigen Grundregeln ist es – nicht nur in der Politik – empfehlenswert, eine Leiche im Keller selbst auszubuddeln, statt diesen Job anderen zu überlassen. Wer „Bad News“ selbst veröffentlicht, hat immerhin die Möglichkeit, a.) einen geeigneten Zeitpunkt dafür zu wählen – nächste Chance: das Finale der Fußball-Europameisterschaft, da sind die wichtigsten Schlagzeilen bereits vergeben – und b.) für das jeweilige Ereignis einen vorteilhaften Interpretationsrahmen zu liefern, der zumindest die erste Nachrichtenwelle beeinflusst.

One Lesson from Obama

Barack Obama hat dieses Prinzip beherzigt: Bereits Jahre vor seiner Kandidatur zum US-Präsidenten veröffentlichte er – in einem sehr ernsten Kapitel seiner Autobiografie „Dreams from my father“ – die Tatsache, in seiner Jugend nicht nur Haschisch, sondern auch Kokain konsumiert zu haben.

Obwohl es auch in diesem Jahr wieder Versuche gibt, ihn deswegen anzugreifen, ist die Geschichte inzwischen für die Medien ein alter Hut. Doch was wäre wohl jetzt los, wenn Obama versucht hätte, dieses lange zurückliegende Detail seines Lebens zu verschweigen?

Dieser Beitrag ist von Stefan Bachleitner

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