Strategy Sunday: Krisenmanagement

Der US-Wahlkampf ruht. Die schockierenden Nachrichten aus Aurora, Colorado, wo ein 24-jähriger wahllos auf Kinobesucher schoss und dabei zwölf Menschen tötete, gebieten den Kampagnen zu schweigen. Doch im Hintergrund laufen dabei minutiös vorbereitete Krisenpläne: Denn in Momenten wie diesen können sich Amtsinhaber wie Herausforderer keine Fehler erlauben, die sie in den Augen der WählerInnen disqualifizieren würden.

Folgenschwere Unglücksereignisse sind der Lackmustest für das Fingerspitzengefühl und die Umsicht von KandidatInnen für das Weiße Haus, denn zum Aufgabenprofil von US-Präsidenten gehört es, in kritischen Situationen richtige Entscheidungen zu treffen. Zuverlässigkeit im Krisenfall ist daher eine der Eigenschaften, die von BewerberInnen um diese Funktion erwartet wird, schließlich verfügt der Amtsinhaber im Oval Office über Krieg oder Frieden – und damit über unzählige Menschenleben. Auf diesen Umstand zielt auch der folgende Werbespot von Hillary Clinton ab, mit dem sie bei den demokratischen primaries 2008 auf ihre größere politische Erfahrung hinzuweisen versuchte:

Anders gesagt: Wer angesichts unerwarteter Umstände falsch reagiert, verspielt das notwendige Vertrauen, um die Verantwortung für die nuclear codes übertragen zu bekommen.

Die drei wichtigsten Voraussetzungen für die erfolgreiche Bewältigung derartiger Situationen sind Vorbereitung, Vorbereitung und Vorbereitung. In der nüchternen Betrachtungsweise des Krisenmanagements sind Ausnahmeereignisse wie Amokläufe, Naturkatastrophen, Terroranschläge oder große Verkehrsunglücke nämlich keine unplanbaren Situationen, sondern Vorfälle, für die – je nach Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß – entsprechende Vorkehrungen zu treffen sind. Um es twittergerecht zu formulieren: Aus Gründen.

Denn wer erst nach Eintreten einer akuten Krise damit beginnt, einen Plan für deren Bewältigung zu erstellen, hat bereits verloren. Nehmen wir das aktuelle Beispiel Aurora: Natürlich erwarten die Betroffenen und die geschockte Bevölkerung nach einem solchen Ereignis, dass auch die WahlkämpferInnen angemessen reagieren. Und das taten sie in diesem Fall auch. Um nur einige Beispiele zu nennen (die auch ihren Eingang in die Medienberichterstattung fanden):

  • Sowohl Obama als auch Romney verzichteten sofort auf jegliche Wahlkampfrhetorik und gaben innerhalb weniger Stunden im Rahmen öffentlicher Auftritte Stellungnahmen ab, in denen sie – als Väter von Kindern auftretend – Mitgefühl zeigten.
  • Sie taten dies auf Veranstaltungen, die ursprünglich dem Wahlkampf gewidmet waren, von denen aber (bis auf die US-Flagge) jede Kampagnendekoration entfernt worden war.
  • Obama verordnete, dass alle Flaggen auf Bundes- und Militärgebäuden in den USA „als Zeichen des Respekts vor den Opfern“ auf Halbmast gesetzt wurden.
  • Der US-Präsident beendete seine Wahlkampftour in Florida vorzeitig, um in Washington eine hochrangige Lagebesprechung abzuhalten, an der u. a. der Vizepräsident, der FBI-Chef und der Homeland Security Advisor teilnahmen.
  • Zuvor hatte er mit dem Bürgermeister von Aurora und dem Gouverneur von Colorado telefoniert, um ihnen seine Unterstützung zuzusichern.
  • Beide Kampagnen zogen ihre bereits gebuchten TV-Werbespots im battleground state Colorado zurück.
  • Die First Lady, Vizepräsident Biden und Mitt Romneys Frau Ann sagten alle Wahlkampfauftritte ab.
  • Darüber hinaus besucht Präsident Obama heute (Sonntag) Aurora, um Überlebende sowie Angehörige der Opfer zu treffen

Wir sind es inzwischen gewohnt, dass neben all diesen Aufgaben und Entscheidungen innerhalb weniger Stunden auch noch eine offizielle Videobotschaft aus dem Weißen Hauses kommt. Doch wer so etwas schon mal organisiert hat, weiß: Ohne entsprechende Notfallpläne und ein gut eingespieltes Team schafft man es in dieser Zeit nicht einmal, den Text einer derart heiklen Rede zu schreiben und abzustimmen.

Was menschlich betrachtet ganz selbstverständlich wirkt, ist aus organisatorischer Sicht also keine leichte Aufgabe für die Camps der KandidatInnen. Um mit einem auf Volldampf fahrenden Kampagnentanker (insbesondere die Obama-Kampagne setzte zuletzt massiv auf lokale Wahlkampfauftritte des Amtsinhabers) eine derartige Wende vollziehen zu können, ist es erforderlich, auf solche Ereignisse vorbereitet zu sein. Denn naturgemäß zwingen dramatische Ereignisse zu schnellen Entscheidungen – die ohne entsprechende Vorkehrungen nicht rasch genug getroffen werden können. So wie Airlines für Zwischenfälle im Flugverkehr oder Hilfskräfte für Katastropheneinsätze sollten daher auch Wahlkampagnen über Krisenpläne mit vorgefertigten Checklisten und klaren Informations- sowie Entscheidungsstrukturen verfügen. Denn wer diese Hausübungen nicht gemacht hat, ist im Krisenfall aufgeschmissen.

Führungsqualitäten auf dem Prüfstand

Zu den Negativbeispielen zählt wohl George W. Bush, der im August 2005 erst drei Tage nachdem der Hurrikan Katrina New Orleans verwüstet hatte, seinen Urlaub unterbrach, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Das nachlässige Katastrophenmanagement der Bush-Administration bekam den Namen „Katrinagate“ und wird vielfach als jener Zeitpunkt betrachtet, an dem sich die nach 9/11 vorherrschende, eher regierungsloyale Stimmung in den US-Medien gegen den Vorgänger von Barack Obama zu drehen begann. (Um diesen Fehler nicht zu wiederholen, hält Obama zum Beginn jeder Hurrikan-Saison ein medienwirksames Briefing zur Katastrophen-Bereitschaft ab.)

Besser vorbereitet, aber mindestens ebenso gefährlich wie zögerliche oder falsche Entscheidungen, sind Versuche, das eigene Engagement mediengerecht in Szene zu setzen – denn dieses „Overselling“ wird von den BürgerInnen instinktsicher als Versuch entlarvt, politisches Kleingeld auf dem Rücken von Katastrophenopfern zu machen. Ein Beispiel dafür ist der legendäre „Gummistiefelauftritt“ des damaligen österreichischen Bundeskanzlers Viktor Klima, der beim Hochwasser im Juli 1997 für die versammelten Fotografen und TV-Teams zum Schöpfeimer griff – mehr als unauthentisch für einen Regierungschef. Klima, dessen kommunikatives Talent niedergecoacht wurde, ging folgerichtig als Kurzzeit-Kanzler in unsere Geschichtsbücher ein. Seither werden die wasserdichten Treter von heimischen PolitikerInnen eher gemieden – die einzige Ausnahme ist Erwin Pröll, doch der könnte in Niederösterreich bei einem Hochwasser auch in Pumps vor die Kameras treten.

Weder Obama, der mit der Ölkrise im Golf von Mexico bereits Erfahrungen im Katastrophenmanagement gemacht hat, noch Romney, der als Retter der Olympischen Spiele von Salt Lake City krisenerprobt ist, dürften derartige Fehler in der aktuellen Situation unterlaufen. Falls doch, würde das ihre Hoffnungen auf eine (Wieder-)Wahl massiv beeinträchtigen. So oder so wird es wohl nicht der letzte Test für ihre Krisentauglichkeit gewesen sein: die Hurrikan-Saison in den USA hat erst angefangen.

Dieser Beitrag ist von Stefan Bachleitner

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