Strategy Sunday: Die letzten Meter

Für das breite Publikum hat der US-Wahlkampf eben erst begonnen, doch in Wirklichkeit befindet er sich bereits auf den letzten Metern. Jetzt ist die Zeit, in der Kampagnen Nerven bewahren und noch ein letztes Mal alle Kräfte mobilisieren müssen – neu erfinden können sie sich hingegen nicht mehr.

Mit der ersten presidential debate hat in dieser Woche die letztes Phase des heurigen US-Wahlkampf begonnen. Seit über einem Jahr sind die Kampagnenteams bereits im Einsatz, doch viele WählerInnen fangen erst an, ihre werblichen Bemühungen allmählich zu registrieren – schließlich gibt es wichtigere Dinge im Leben als Politik. Wäre dieses Rennen ein Marathon (und das ist es weitaus eher als eine Sprintdistanz), dann hätten wir gerade Kilometer 40 oder 41 hinter uns gelassen – das Ziel ist jedenfalls nicht mehr weit.

Nach Romneys „47 %-Sager“ sah es schon fast so aus, als könnte Barack Obama einen komfortablen Vorsprung herausholen und müsste bloß noch darauf achten, die Schlussdistanz stolperfrei zu überstehen. Doch Mitt Romney hat die erste TV-Konfrontation für einen Zwischensprint genutzt, der ihn wieder auf Sichtweite an den Amtsinhaber herangebracht hat. Mein Blogkollege Yussi Pick hatte es am Mittwoch schon geahnt: Medien lieben Comeback-Geschichten. Auch das ist kennzeichnend für die Schlussphase jedes Wahlkampfs, doch sehen wir uns zuerst die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Woche an …

Tatsache ist, dass Romney auf die Diskussion in Denver sehr gut vorbereitet war und damit überraschen konnte, deutlich energischer (und sogar lockerer) zu wirken als der US-Präsident. Wie schon bei seiner acceptance speech im Rahmen des demokratischen Parteikonvents vermied Obama große Töne – kam damit aber eher müde als besonnen über den Bildschirm. Letztlich entschied das expectation game die Debatte, denn der Amtsinhaber entsprach nicht den Erwartungen, während sein republikanischer Herausforderer diese übererfüllte.

Nein, das war keine Taktik von Obama …

Ich bin danach von einigen Leuten gefragt worden, ob hinter diesem schwachen Auftritt Obamas nicht auch eine Taktik gesteckt haben kann – er könnte ja bewusst die Erwartungen heruntergeschraubt haben, um bei den nächsten Debatten zu triumphieren. Meine Antwort darauf ist eindeutig: Nein, es war keine Taktik – weil es eine ziemlich schlechte Taktik gewesen wäre. Wie ich neulich bereits erläutert habe, sind die Wahlen bereits angelaufen, dementsprechend zählt jeder Tag nun doppelt. Verlorenes Momentum kostet echte Stimmen, wichtige Spendengelder und viel Energie – was sich nur mit einem entsprechenden Kraftakt wettmachen lässt.

In meinen Augen hat Obama bei der dieswöchigen Debatte einen Matchball vergeben, schließlich hätte er mit einem klaren Debattensieg der angeschlagenen Kampagne seines Herausforderers einen wohl tödlichen Stoss verpasst. Doch natürlich hat der Punktesieg Romneys auch ein paar positive Seiten für das Obama-Camp, z. B. werden nun einige AnhängerInnen, die das Rennen bereits für gelaufen hielten, noch einmal wachgerüttelt und mobilisiert. Letztlich überwiegen aber die Nachteile die Vorteile – darum haben wir hier keine verborgene Taktik, sondern einen schlechten Tag des US-Präsidenten erlebt (die Washington Post wählte ihn dafür sogar für ihre wöchentliche Worst Week in Washington-Kolumne aus).

Für die ZuschauerInnen ist das nicht schlecht, immerhin kommt damit ein wenig mehr Pfeffer in die nächsten TV-Konfrontationen. Ein ehrgeiziger Wahlkämpfer wie Obama wird diese persönliche Schlappe nicht auf sich sitzen lassen, weshalb er beim zweiten Aufeinandertreffen – das als town meeting mit Publikumsfragen abgehalten wird – wohl deutlich entschlossener auftreten wird.

Mitt Romney nutzte seinen neu gewonnen Schwung, um sich für seinen „47 %-Sager“ zu entschuldigen und die Aussage komplett zu revidieren – was ein wichtiger Schritt war, um diese (für ihn ziemlich unangenehme) Geschichte hinter sich zu lassen. Der Zeitpunkt ist gut gewählt, denn im Moment des Erfolgs ist es weitaus einfacher, einen Fehler einzugestehen und das Thema zu wechseln als aus der Defensive heraus.

Was die Romney-Euphorie dämpfen dürfte …

Trotzdem hatte die vergangenen Woche für Obama auch positive Momente auf Lager. Der wichtigste davon: Die am Freitag veröffentlichten US-Arbeitsmarktdaten für den September sind deutlich besser als erwartet. Mit 7,8 % liegt die Arbeitslosigkeit in den USA erstmals seit dem Jänner 2009 (!) wieder unter acht Prozent. Ich habe hier bereits vor einiger Zeit geschrieben, wie kritisch die monatliche Arbeitslosenstatistik in diesem Wahljahr sein wird. Die vorletzte (und für die Debatte in der Schlussphase) wohl wichtigste Arbeitsmarktbilanz vor der Wahl lässt Obama gerade zum richtigen Zeitpunkt etwas Aufatmen – und dürfte dem Romney-Camp, dessen zentrales Wahlkampfthema die Schaffung von Jobs ist, nicht gerade in den Plan passen.

Darüber hinaus können sich die Demokraten darüber freuen, im September mit Spendeneinnahmen in der Höhe von 181 Millionen US-Dollar (hey, das sind schlappe sechs Millionen US-Dollar pro Tag!) – den aktuellen Fundraising-Rekord dieser Saison aufgestellt zu haben. So wie es aussieht, dürfte der Amtsinhaber im bedeutsamen money race nicht ins Hintertreffen geraten, was insofern wichtig ist, als seiner Kampagne sonst auf den letzten Metern die Luft ausgegangen wäre.

Die Phase der Zuspitzung

Dennoch werden wir in den nächsten Wochen noch erleben, dass die Auseinandersetzung zwischen Obama und Romney zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen stilisiert wird. Das liegt zum Einen daran, dass die Wahlen tatsächlich noch nicht gelaufen sind und in den letzten Wochen noch einmal alles in die Schlacht geworfen wird. Es liegt aber auch an der natürlichen Neigung der Medien, Spannung aufbauen zu müssen, um konsumiert zu werden. In Verbindung mit MeinungsforscherInnen, die sich nur ungern mit falschen Vorhersagen blamieren wollen, und Kampagnen, die ihre AnhängerInnen mobilisieren wollen, können sich alle Seiten am einfachsten darauf verständigen, dass noch alles möglich ist.

Gleichzeitig können die Kampagnen in dieser Phase der Zuspitzung kaum noch etwas anderes tun, als ihrer bisherige Linie noch mehr Nachdruck zu verleihen. Rund einen Monat vor der Wahl sind schließlich alle entscheidenden Kampagnenoperationen bereits auf Schienen – oder zum Scheitern verurteilt. Natürlich haben die Teams auf beiden Seiten alle Hände voll zu tun, um täglich neue Angriffe abzuwehren und Gegenangriffe zu koordinieren, um in den Medien zu punkten und Misserfolge auszubügeln, um das dichte Programm in der Schlussphase in eine perfekte Gesamtinszenierung münden zu lassen. Doch alle diese Aktivitäten sind bereits mehr oder minder lange geplant und vorbereitet – jetzt wird nur mehr umgesetzt. Keine Kampagne ist mehr in der Lage, sich komplett neu zu erfinden. Da heißt es Nerven bewahren und noch ein letztes Mal alle Kräfte mobilisieren. Die StrategInnen auf beiden Seiten können nur mehr hoffen, mit ihren Einschätzungen richtig gelegen zu sein – oder andernfalls das Glück auf ihrer Seite zu haben.

Hoffen werden beide Lager bis zum Schluss, denn eine alte Wahlkampfregel lautet, dass Rennen erst im Ziel entschieden werden. Darauf hat die Obama-Kampagen ihrer UnterstützerInnen vor vier Jahren mit diesem Video hier erinnert:

Schließlich steht das Ergebnis erst am Wahltag fest. Und seit der US-Präsidentschaftswahl 2000 wissen wir, dass es sogar noch etwas länger als das dauern kann …

Dieser Beitrag ist von Stefan Bachleitner

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4 Rückmeldungen zu “Strategy Sunday: Die letzten Meter”

  1. Lukas sagt:

    Ich habe den Eindruck, dass Romneys Schwenk zur Mitte Obama (und sein Team) überrascht hat. Vor allem seine Betonung, dass er keine Steuersenkung um 5 Billionen Dollar vorhat. Die Zahl hat er vor der Debatte nie bestritten, weil sie der Kernwählerschicht, den Parteiaktivisten und wahrscheinlich ein paar Geldgebern gefällt. Hat er mit diesem Schwenk in letzter Minute nicht mit den Lehrbuchregeln von Kampagnenstrategien gebrochen?

    • Ich sehe hier keinen Totalschwenk, sondern eher eine (taktisch) notwendige Korrektur, die man ihm durchaus abnimmt. Vor der Wahl wird er dafür wohl kaum größere Kritik aus dem eigenen Lage einstecken – auch weil er damit seine Chancen auf einen Erfolg gewahrt hat. Übrigens: “billions” sind hierzulande Milliarden – nur damit keine Missverständnisse entstehen.

  2. Lukas sagt:

    Ich glaube auch, dass Romney jetzt wenig Kritik aus den eigenen Reihen fürchten muss, v.a. weil es vor der Debatte wirklich finster für ihn ausgesehen hat. Mich würde Ihre Einschätzung interessieren, ob die Kurskorrektur in Richtung “moderate Mitt” nicht sehr spät erfolgt ist? Das hätte man ja z.B. schon zur Convention machen können oder noch früher. Oder ist die erste öffentliche TV Debatte der richtige Zeitpunkt?

    • Wie gesagt: Es handelt sich nicht um einen totalen Kurswechsel in einer Kernposition, sein Job-Mantra steht nach wie vor im Mittelpunkt. Der Zeitpunkt war meines Erachtens nicht schlecht gewählt – immerhin konnte er damit einige (potenziellen) Angriffe Obamas ins Leere laufen lassen.

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