Strategy Sunday: Heimtiere

Hunde und Katzen sind nicht wahlberechtigt, aber haben trotzdem einen gewissen Einfluss darauf, wie KandidatInnen bei Wahlen abschneiden. Wir liefern ein paar Erklärungsansätze, warum das so ist.

Die Beziehung zwischen Mensch und Tier hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich gewandelt – vor allem auch deshalb, weil nur mehr ein kleiner Teil der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebt. Früher, im ländlichen Leben, waren Tiere vor allem Nutztiere: Das Schwein diente der Schinkenproduktion, der Hund bewachte das Haus und die Katze kümmerte sich um die Mäuseplage. Doch diese funktionelle Betrachtungsweise von Hund, Katz & Co. tritt immer weiter in den Hintergrund.

Inzwischen sind Heimtiere – vor allem, wenn sie in der Stadt gehalten werden – mehr oder minder zu Familienmitgliedern geworden. Sie werden nicht mehr mit Küchenabfällen gefüttert, sondern bekommen exquisite Heimtiernahrung aus einem unendlich scheinenden Sortiment an Geschmacksrichtungen und wenn sie krank werden oder in die Jahre kommen, sorgen ihre liebevollen Halter dafür, dass sie mit allen Mitteln der veterinärmedizinischen Kunst behandelt werden.

Mehr Heimtiere als Kinder

Diese vierbeinigen Familienmitglieder sind auch in den USA sehr verbreitet. Laut der APPA National Pet Owners Statistics besitzen 62 % der US-Haushalte ein Heimtier. Nur zum Vergleich: 86,4 Mio. Katzen und 78,2 Mio. Hunden stehen in den USA rund 74,6 Mio. Kinder unter 18 Jahren gegenüber. Kein Wunder, dass der Umgang mit Tieren angesichts dieser Zahlen ein politisch relevantes Thema ist, dass viele Menschen berührt. Und wer sich tierlieb zeigt, bekommt einen Imagebonus – interessanterweise in der Kategorie Menschlichkeit.

Keine Wunder also, dass die pelzigen Freunde auch in US-Wahlkämpfen immer wieder eine Rolle spielen. Legendär ist z. B. Richard Nixons „Checkers Speech“, eine spektakuläre TV-Ansprache, in der sich der damalige Vizepräsidentschaftskandidat 1952 gegen Korruptionsvorwürfe mit dem Argument zur Wehr setzte, das einzige je von ihm angenommene Geschenk sei ein schwarz-weißer Cockerspaniel namens Checkers gewesen, den er nur seinen beiden Kindern zuliebe behalten habe.

Schon Herbert Hoover, US-Präsident von 1929 bis 1933, machte Wahlwerbung mit Postkarten, die ihn mit seinem Schäferhund King Tut zeigten. Lyndon B. Johnson wiederum erlitt einen massiven Imageschaden, als ein Foto von ihm veröffentlicht wurde, auf dem er seinen Beagle „Him“ an den Ohren zog. Der öffentliche Aufschrei war so groß, dass er sich zu einer Entschuldigung genötigt sah, doch die Erklärung „he seemed to like it“ war vielen US-BürgerInnen dann doch etwas zu wenig.

„Dogs Against Romney“ vs. „Pet Lovers for Obama“

Hunde sind auch in diesem Jahr ein Teil des Kampagnengeschehens. Gegen Mitt Romney macht z. B. die Initiative Dogs Against Romney mobil, die u. a. daran erinnern möchte, dass der Republikaner 1983 seinen Hund Seamus für eine zwölf Stunden dauernde Urlaubsfahrt nach Kanada kurzerhand auf das Autodach verfrachtet hatte. Ein derartiger Vorwurf ist alles andere als erfreulich für den ehemaligen Gouverneur von Massachussetts, betrachten manche Kommentatoren Hunde doch als „vital to presidential lifestyle“ – und die Story wird von den Medien immer wieder genußvoll aufgekocht.

Kein Wunder, dass der Amtsinhaber Barack Obama umso stärker darauf bedacht ist, sich als Tierfreund zu präsentieren. Dabei kann er natürlich mit der treuen Unterstützung seines portugiesischen Wasserhunds „Bo“ rechnen, der das Aushängeschild der „Pet Lovers for Obama“-Initiative ist.

Als „first dog“ genießt Bo einen nicht zu unterschätzenden Bekanntheitsgrad, denn der Kult um die „first pets“ im Weißen Haus ist nahezu grenzenlos. Kaum ein Amtsinhaber seit George Washington kam bislang ohne Haustiere aus, wie Foto-Galerien auf der Webseite des Weißen Hauses oder das Presidential Pets Museum belegen. (Besonders beeindruckend ist dabei übrigens der Streichelzoo, mit dem John F. Kennedy den Amtssitz des US-Präsidenten ausstattete – über die Jahre hatte seine Familie dort zehn Hunde, eine Katze, drei Ponies, ein Pferd, drei Vögel, zwei Hamster und einen Hasen untergebracht.)

Auch in Österreich relevant

Auch hierzulande geht es kampagnentechnisch oft tierisch zu – aus gutem Grund. Headlines à la „Tiere würden Faymann wählen“ (wie die Tierecke der Kronen Zeitung einst titelte) werden zwar gerne belächelt, sollten aber in ihrer Wirkung nicht unterschätzt werden.

Wenn die Wiener FPÖ unter dem Titel „Ein Herz für Hunde“ eine Charmeoffensive zum Ködern von Hundehaltern startet, ist das eine durchaus überlegte Maßnahme, um sich ein sanfteres Profil zu geben und neue WählerInnengruppen zu erschließen. Es ist auch kein Zufall, dass Heinz-Christian Strache auf Facebook das Ableben des Familienkaninchens „Schnuckl“ betrautert, denn das bringt ihm zwar auf Twitter etwas Spott ein, trägt aber letztlich dazu bei, die Kanten seines polarisierenden Images etwas abzuschleifen und den warmherzigen Menschen zu geben. Auch für die Grünen ist der Tierschutz eines der wenigen Kernthemen, wo sie sich des Wohlwollens der Kronen Zeitung sicher sein können. Einzig die ÖVP tut sich damit traditionell etwas schwerer, weil eine ihrer treuesten WählerInnengruppen, die Landwirte, Tiere noch ganz pragmatisch als Nutztiere betrachtet und deren Vermenschlichung eher skeptisch gegenübersteht – wer will schon als Mörder des süßen Schweinderls aus der „Ja! Natürlich“-Werbung dastehen.

Was lernen wir daraus? Befragt zu den unverzichtbaren Eigenschaften ein Politikers soll Bruno Kreisky einmal gesagt haben: „Man muss die Menschen mögen, sonst darf man nicht Politik machen“. Mehr denn je gilt für Tiere das gleiche.

Dieser Beitrag ist von Stefan Bachleitner

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