Strategy Sunday: Early Voting

Wann wird in diesem Jahr der US-Präsident gewählt? Am 6. November, so wie es auch der Countdown auf unserem Blog suggeriert? Diese Antwort ist nur zum Teil richtig – denn die Wahlen haben in weiten Teilen der USA bereits begonnen.

Diesen Freitag war es soweit: In Idaho und South Dakota öffneten die ersten Wahlzellen, in denen eine vorzeitige Stimmabgabe möglich ist. Am selben Tag begannen die Briefwahlen in Minnesota, West Virginia, Oklahoma, South Dakota, Georgia, Arkansas, Idaho und Maryland (in North Carolina, Indiana, Kentucky und Wisconsin waren diese sogar schon etwas früher angelaufen). 13 weitere Staaten – South Carolina, New Jersey, Maine, Michigan, Mississippi, New Hampshire, Tennessee, Texas, Vermont, Delaware, Virginia, Louisiana und Missouri – folgten gestern, Samstag, mit der einen oder anderen Form von vorgezogener Wahlmöglichkeit. Anders gesagt: In 25 Bundesstaaten, also rund der Hälfte der USA, kann bereits gewählt werden.

„Early voting“ spielt in den USA eine wichtige Rolle

Während sich der Anteil der BriefwählerInnen in Österreich im einstelligen Prozentbereich bewegt (bei der Nationalratswahl 2008 gingen „nur“ 375.634 der fast fünf Millionen abgegebenen Stimmen auf das Konto von BriefwählerInnen), spielt das Wählen vor dem Wahltag in den USA ein deutlich größere Rolle. Bei den Präsidentschaftswahlen 2008 waren beachtliche 30 % aller abgegebenen Stimmen auf „early voting“ zurückzuführen. Damit wurde der Trend der US-Wahlen 2004, bei denen der „early voting“-Anteil auf 20 % angestiegen war, noch einmal deutlich gesteigert.

Eine der Hauptursachen dafür war die Obama-Kampagne des Jahres 2008. Vor vier Jahren (so wie vermutlich auch heuer) waren die Demokraten den Republikanern im „ground game“ deutlich überlegen – und sicherten Obama mit einer überwältigenden Mehrheit der „early votes“ den Einzug ins Weiße Haus.

Obamas stärkste Wahlkampfwaffe

Obamas damaliger Gegenspieler John McCain hätte vor vier Jahren so wichtige swing states wie Florida, Colorado, North Carolina oder Iowa glatt gewonnen, wenn nur die am Wahltag abgegebenen Stimmen gezählt worden wären. Doch die „Get Out The Vote“-Bemühungen der Demokraten waren perfekt darauf abgestimmt, die Stimmen der eigenen WählerInnen bereits vor dem Wahltag zu gewinnen. Dabei setzte das Obama-Camp nicht nur auf die bewährte Mobilisierung deklarierter AnhängerInnen – durch gezielte Online-Werbung, E-Mails, SMS-Nachrichten, Hausbesuche und Telefonanrufe gelang es den Demokraten damals auch, sympathisierende Nicht-WählerInnen zur bequemen Stimmabgabe vor dem Wahltag zu bewegen.

Auch 2012 gilt: „Early voting“-Initiativen sind entscheidend, um für Obama äußerst wichtige WählerInnengruppen (wie z. B. Afro-AmerikanerInnen, die in der Regel eine unterdurchschnittliche Wahlbeteiligung aufweisen) zum Wählen zu bewegen.

Kein Wunder also, dass die Republikaner darum bemüht sind, den für sie eher ungünstigen Trend zum „early voting“ einzudämmen – insbesondere in wahlentscheidenden swing states. In Florida beschlossen sie im vergangenen Jahr ein Gesetz, mit dem die Zahl der vorzeitigen Wahltage von 14 auf acht reduziert wurde. Und in Ohio brachten sie eine Wahlrechtsänderung durch, mit der das Wählen am Wochenende und dem Montag vor dem Wahltag deutlich erschwert wird. (In beiden Fällen sind Gerichtsverfahren anhängig, mit denen die Demokraten diese Gesetze noch zu Fall bringen wollen.)

Souls to the polls

Das „Weekend Voting“ ist den Republikanern nicht zuletzt deshalb ein Dorn im Auge, weil sich 2008 zahlreiche Kirchen mit afro-amerikanischen Gemeindemitgliedern an der Aktion „souls to the polls“ beteiligten. Im Zuge dieser Aktion konnten Kirchgang und Wahlakt in einem Aufwaschen erledigt werden, wie diese Wählerin der britischen Zeitung „The Guardian“ berichtet:

(„Souls to the polls“ ist in meinen Augen ein schönes Beispiel für die strategisch-kreativen Seiten, aber auch für die Eigenheiten der US-Präsidentschaftswahlen. Nun ja, abgesehen von jenen österreichischen Kleingemeinden, in denen auch zwischen Kirchenbesuch und Frühschoppen gewählt wird.)

Starke Auswirkungen auf den Kampagnen-Fahrplan

Der generelle Trend zum „Early voting“ hat starke Auswirkungen auf die strategische und organisatorische Ausgestaltung von Wahlkampagnen in den USA. Noch vor einem Jahrzehnt waren „Get Out The Vote“-Aktivitäten, mit denen die WählerInnen zu den Wahlurnen gebracht wurden, ein organisatorischer Kraftakt, der auf wenige Tage konzentriert war. Heute handelt es sich dabei um wochenlange Operationen, mit deren Vorbereitung bereits am Tag nach der vorigen Wahl begonnen werden muss.

Der Umstand, dass der US-Präsident inzwischen eher im Oktober als im November gewählt wird, wirbelt die klassische Dramaturgie der Kampagnen jedenfalls stark durcheinander. Üblicherweise zielen Wahlkampagnen darauf an, ihren Höhepunkt – sprich: die meiste Aufmerksamkeit und die maximale Mobilisierungskraft – möglichst nah am Wahltag zu erreichen. Doch bei den diesjährigen US-Wahlen ist jeder Tag im Oktober bereits ein Wahltag. Deshalb dürften beiden Kampagnen in diesem September wahrscheinlich so viel Geld in Wahlwerbung pumpen wie noch nie in der Geschichte des US-Wahlkampfs zu diesem Zeitpunkt. Auch die (heuer am 3. Oktober beginnenden) TV-Konfrontationen der beiden Kandidaten verlieren – zumindest etwas – an Bedeutung, wenn immer mehr Stimmen zu diesem Zeitpunkt bereits vergeben sind.

Wie stark die vorhandenen „early voting“-Angebote in den nächsten Wochen von den US-WählerInnen angenommen werden, kann getrost als Indikator für die Wiederwahlchancen Barack Obamas gewertet werden. Vielleicht gelingt es seiner (im field gut organisierten) Kampagne auch in diesem Jahr wieder, überdurchschnittlich viele WählerInnen bereits vor dem Wahltag zur Stimmabgabe zu bewegen – in diesem Fall wären die Kampagnenausgaben des Romney-Lagers in den letzten Tages des Wahlkampfs mit Geldverbrennung gleichzusetzen. Angesichts der schwächelnden US-Wirtschaft und der dementsprechend gedämpften Begeisterung für den Amtsinhaber könnten die „early votes“ im Vergleich zu 2008 aber auch extrem schwach ausfallen – was dem Romney-Camp Auftrieb verleihen würde. Let’s see …

Dieser Beitrag ist von Stefan Bachleitner

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3 Rückmeldungen zu “Strategy Sunday: Early Voting”

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  1. [...] den für sie eher ungünstigen Trend zum „early voting“ einzudämmen – wir haben in der vergangenen Woche darüber geschrieben [...]

  2. [...] Voting: Wie bereits in der vergangenen Woche erläutert, werden immer mehr Stimmen lange vor dem Wahltag abgegeben – und damit in immer geringerem [...]

  3. [...] ziemlich schlechte Taktik gewesen wäre. Wie ich neulich bereits erläutert habe, sind die Wahlen bereits angelaufen, dementsprechend zählt jeder Tag nun doppelt. Verlorenes Momentum kostet echte Stimmen, wichtige [...]


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