Strategy Sunday: TV-Debatten

TV-Debatten gehören zu den Highlights jedes Wahlkampfs. Das ist kein Wunder, denn seit einem halben Jahrhundert können sie Wahlen entscheidend beeinflussen. Doch diese Ära könnte enden …

Der persönliche Schlagabtausch von Kandidaten findet ist schon seit längerer Zeit ein Teil von US-Präsidentenwahlen. Die ersten Debatten lieferten sich Abraham Lincoln und Stephen A. Douglas, die 1858 gleich sieben Mal über das damals bestimmende Thema der (gespaltenen) Vereinigten Staaten diskutieren: die Zukunft der Sklaverei – in jeder Hinsicht ein divisive issue. Sonderlich TV-kompatibel waren die damaligen Spielregeln sicherlich nicht, dafür aber höchst dialektisch: 60 Minuten Rede, 90 Minuten Antwort, 30 Minuten Zusammenfassung.

Über 150 Jahre später haben sich die Spielregeln, Themen und ZuschauerInnenzahlen zwar deutlich verändert – doch das Grundprinzip bleibt bestehen. Am kommenden Mittwoch (in unserer Zeitzone am Donnerstag, den 4. Oktober, zwischen 5.00 und 6.30 Uhr 3.00 und 4.30 Uhr morgens) ist es wieder soweit: US-Präsident Barack Obama und sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney treten am Campus der Universität von Denver, Colorado, zum ersten direkten TV-Duell dieses Jahres an.

Große Überraschungen wären dabei, nun ja, überraschend: Die 1987 gegründete, von Demokraten und Republikanern gleichermaßen besetzte „Commission on Presidential Debates“ sieht nämlich strenge Regeln für diese Debatte vor. Dazu gehört die Einteilung der Diskussion in sechs Abschnitte zu je 15 Minuten (drei davon werden sich mit der „Economy“ befassen und je einer mit „Health Care“, „The Role of Government“ und „Governing“). Jeder dieser Abschnitte wird von Moderator Jim Lehrer mit einer Frage eingeleitet, für deren Beantwortung den Kandidaten zwei Minuten zur Verfügung steht – erst danach ist ein echter Schlagabtausch möglich (wobei selbstverständlich streng auf eine ausgewogene Redezeitverteilung geachtet wird).

Trotz dieser Beschränkungen sind die TV-Debatten natürlich einer der letzten Unsicherheitsfaktoren dieses Wahljahres – immerhin haben wir in diesem Wahljahr bereits einen Kandidaten erlebt, dessen Chancen nach einem Aussetzer innerhalb einer Minute implodierten:

Tatsache ist: TV-Debatten können Wahlen entscheiden. Diese Erkenntnis hat sich 1960 durchgesetzt, als ein telegen-frischer John F. Kennedy einen schlecht rasierten Richard Nixon in Verlegenheit brachte und damit Geschichte schrieb. Ab diesem Zeitpunkt war das Fernsehen als dominantes Medium von Wahlkämpfen zu betrachten:

Auch Georg H. W. Bush – Vater von George W. – hatte 1992 wenig Freude damit, dass sein (vor dem Wahlkampf wenig bekannter) Herausforderer Bill Clinton mit Auftritten wie diesem hier entscheidende Punkte machte:

Doch das sind alles Geschichten aus dem Wahlkampf-Museum. Die TV-Duelle werden in diesem Jahr wohl nicht die Bedeutung früherer Jahre haben werden – wofür es gute Gründe gibt:

  • Early Voting: Wie bereits in der vergangenen Woche erläutert, werden immer mehr Stimmen lange vor dem Wahltag abgegeben – und damit in immer geringerem Ausmaß von den Wahldebatten beeinflusst.
  • Ermüdung: Aufgrund des Trends zur vorzeitigen Stimmabgabe wird immer früher immer mehr Geld in die Wahlwerbung gesteckt – weshalb beim Wahlvolk zum Zeitpunkt der TV-Debatten bereits gewisse Ermüdungserscheinungen auftreten könnten.
  • Medienverhalten: Die Veränderung der US-Medienlandschaft trifft auch das Fernsehen. Noch ist es die wichtigste Nachrichtenquelle – doch seine Bedeutung nimmt ab.
  • Professionalisierung: Das Vorwahlsystem in den USA sorgt dafür, dass schlechte debater eher früher als später ausgesiebt werden und keine Chance auf eine Nominierung haben. Sowohl Mitt Romney – der die harten republikanischen Vorwahldebatten zumindest ohne groben Schnitzer überstanden hat – als auch Barack Obama – der vor vier Jahren eine noch viel härtere Schule durchlaufen musste – sind diskussionserprobt. Beide werden so gut auf die TV-Duelle vorbereitet sein, dass ein Totalaussetzer Marke Rick Perry eher unwahrscheinlich ist.
  • Erwartungen: TV-Debatten sind eher zum Nachteil von Amtsinhabern, da diese in offenen Konfrontationen wenig gewinnen, aber viel verlieren können. In der derzeitigen Situation muss hingegen Mitt Romney punkten, um das Rennen noch offen zu halten.

Trotzdem gibt es für hiesige FrühaufsteherInnen mit Interesse an den US-Wahlen in den nächsten Wochen übrigens noch drei weitere Pflichttermine zwischen 5.00 und 6.30 3.00 und 4.30 Uhr morgens (bzw. in den USA: zwischen 21.00 und 22.30 Uhr Eastern Time – des jeweiligen Vortags):

  • Am Freitag, den 12. Oktober, diskutieren Vizepräsident Joe Biden und sein Gegenspieler Paul Ryan über innen- und außenpolitische Themen.
  • Am Mittwoch, den 17. Oktober, stellen sich Obama und Romney der einzigen TV-Debatte dieses Jahres, die in der Form eines town meetings – also mit Publikumsfragen – abgehalten wird.
  • Und am Dienstag, den 23. Oktober, debattieren Obama und Romney über Außenpolitik.

Wer hingegen eher Nachteule als early bird ist, dem/der sei eine mindestens ebenso unterhaltsame Veranstaltung ans Herz gelegt, die am Dienstag, den 9. Oktober – also rund einen Monat vor der Wahl – um 20:00 Uhr im Wiener Filmcasino stattfinden wird. Sie trägt den Titel Best of Wahlkampf – und wird von uns organisiert. Ich hoffe, wie sehen uns …

Nachtrag: In der ersten Fassung habe ich mich leider in den Uhrzeiten vertan und mich an der Zeitzone von Denver, Colorado, statt an der Eastern Standard Time (EST) orientiert. Der Fehler wurde inzwischen korrigiert, sorry for any inconviniences.

Dieser Beitrag ist von Stefan Bachleitner

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