Ausgerechnet Iowa

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Iowa ist der Lackmusteststreifen der amerikanischen Politik. Der landwirtschaftlich geprägte Swing State im Mittleren Westen hat nur sechs Wahlmännerstimmen zu vergeben. Wer hier gewinnt, hat den Sieg daher noch lange nicht in der Tasche. Doch wer in Iowa nicht punktet, hat ein Problem.

Die deutschsprachige Ausgabe von Wikipedia vermeldet zu Iowa lapidar: „Der Staat liegt im Mittleren Westen und ist bekannt für den Anbau von Mais und die weite Natur.“ Tatsächlich wirkt der „Tall Corn State“ auf den ersten Blick nicht wie ein Land mit einer äußerst komplexen politischen Struktur. 90 % der von hügeligen Ebenen geprägten Fläche des Bundesstaats werden landwirtschaftlich genutzt. Wer eine Dokumentation über industrielle Lebensmittelproduktion drehen möchte, sollte in Iowa beginnen. Sowohl Pioneer Hi-Bred, der weltgrößte Entwickler und Anbieter von Anbaupflanzen und Saatgut, als auch der Weltmarktführer im Bereich landwirtschaftlicher Maschinentechnik, John Deere, kommen aus Iowa – dem Land, in dem angeblich der Traktor erfunden wurde. Nicht nur die steigenden Agarpreise haben dazu beigetragen, dass die Landwirtschaft in Iowa heute mehr denn je ein „Big Business“ ist.

Mit rund 200.000 Einwohnern ist Iowas Hauptstadt Des Moines etwa so groß wie Linz – dabei ist das Land beinahe doppelt so groß wie Österreich. Iowa hat aber insgesamt nur etwa drei Millionen Einwohner und stellt damit im kommenden Jahr bloß sechs der 538 Wahlmänner im „Electoral College“, das den Präsidenten (und den Vizepräsidenten) wählt. Dennoch gibt es zwei Gründe, warum dem – nach einem populären Indianerhäuptling – auch „Hawkeye State“ genannten Bundesstaat in den Wahlkämpfen um die US-Präsidentschaft eine besondere Rolle zukommt: Iowa ist traditionell der Staat, in dem die ersten Vorwahlen der Parteien abgehalten werden – und es ist ein Swing State. Der Bevölkerung Iowas kommt daher in Wahljahren ein überproportional großes politisches Gewicht zu. Grund genug, sich etwas genauer mit der Seele des Mittleren Westens zu befassen.

Primary Colors

Republikanische Bewerber, die sich um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Grand Old Party bemühen, befinden sich in Iowa bereits in der Schlussphase einer wichtigen Wahlentscheidung. In wenigen Wochen, am 3. Jänner 2012, finden hier die ersten Vorwahlen statt. Wer dabei gut abschneidet, gewinnt politisches Gewicht und holt sich das vielleicht entscheidende Momentum für die weiteren Abstimmungen. Das beste Beispiel ist der Amtinhaber selbst: Barack Obama konnte 2008 mit einem Sieg bei den demokratischen Primaries in Iowa beweisen, dass Hillary Clinton nicht so „inevitable“ war, wie ihre Kampagnenberater dies damals darstellten. Darum sind die ersten Vorwahlen insbesondere für republikanische Außenseiter wie Herman Cain entscheidend, was die Zukunft ihrer Präsidentschaftsambitionen betrifft.

Cain, ehemals Chef der Pizzakette „Godfathers’s Pizza“, wies zuletzt erstaunlich gute Umfragewerte in Iowa auf. Doch Umfragen sind im Caucus-Wahlsystem mit Vorsicht zu genießen und nach den jüngst erhobenen Vorwürfen, er hätte in den 90er-Jahren als Vorsitzender des amerikanischen Gaststättenverbandes zwei weibliche Angestellte sexuell belästigt, scheint sein Höhenflug in Iowa gefährdet. Jetzt könnte es sich rächen, dass er Iowa vergleichsweise selten als Station seiner Kampagnentour eingeplant hat – sein Krisenmanagement ist jedenfalls im Auge zu behalten. Wenn er alles richtig macht, könnte es ihm gehen wie Bill Clinton 1992, der von der Kontroverse um Geniffer Flowers in punkto Bekanntheit eher profitierte. Als politischer „Outsider“ könnte er aber auch rasch zu einer Fußnote werden – Iowa wird es zeigen.

Besonders gespannt auf das Abstimmungsergebnis des 3. Jänner wird wohl auch das Kampagnenteam von Mitt Romney sein, dem große Chancen auf einen Primary-Erfolg in Iowa (und die Nominierung) zugeschrieben werden. Wenn Cain scheitert, könnte Romney seine Pole Position absichern und sich auch für andere Primaries als erfolgsversprechendster Gegenspieler zu Präsident Obama empfehlen. Doch Iowa ist schwer berechenbar.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Ames Straw Poll, eine (dem Fundraising dienende) Tendenzabstimmung der Republikaner in Iowa, die immer im August vor der Kür eines neuen republikanischen Präsidentschaftskandidaten stattfindet. Vor vier Jahren konnte Romney, der sich schon damals um die republikanische Nominierung bewarb, diese Abstimmung für sich entscheiden – doch die Primaries in Iowa gewann dann Mike Huckabee. Romney dürfte sich diesmal nur zu gut daran erinnert haben, dass ihm der Erfolg bei der Ames Straw Poll nicht dabei half, seine Kandidatur zu sichern. Darum ließ er sie diesmal aus. So konnte die aus Iowa stammende, der Teaparty nahe stehende Kongressabgeordnete Michelle Bachmann die Straw Poll für sich entscheiden. Damit kann Bachmann immerhin auf die Statistik hoffen: Drei von fünf Mal gewann der Straw Poll-Sieger auch die Primaries in Iowa.

Da Iowa immer für ein knappes Rennen gut ist, sollte auch darauf geachtet werden, mit welchen Unterstützungserklärungen – so genannten „Endorsements“ – die Kandidatinnen und Kandidaten noch aufwarten. Besonders begehrt dürften dabei Persönlichkeiten sein, die sich in Iowa als erfolgreiche Wahlwerber bewiesen und eine starke republikanische Basis haben. Dazu zählen z. B. der letztmalige Primarygewinner Mike Huckabee oder der im Westen Iowas stark verankerte, streng konservative Kongressabgeordnete Steve King. Ihre Unterstützung ist Gold wert, denn ein starkes organisatorisches Rückgrat und persönliche Kontakte sind wichtige Grundlagen für einen Erfolg in Iowa.

Für einen amtierenden Präsidenten ist die Dynamik solcher Primaries naturgemäß problematisch. Während Obama sich auch um die Amtsgeschäfte kümmern muss, bemüht sich mehr als ein halbes Dutzend republikanischer Kandidaten intensiv darum, den Wählerinnen und Wählern in Iowa zu erklären, warum „four more years“ Obama keine gute Idee sind. Und gerade im „Tall Corn State“ kommt es auf jede Stimme an.

Swing State

Iowa ist der Prototyp eines „Swing States“ – also eines Bundesstaats, der durch wechselnde Wählermehrheiten gekennzeichnet ist. 2000 gewann Al Gore die dortige Wahl gegen Georg W. Bush mit dem denkbar knappen Vorsprung von 4.144 Stimmen. 2004 fiel der Staat wiederum – mit einem nicht minder knappen Unterschied von rund 10.000 Stimmen – an George W. Bush. Im Vergleich dazu konnte sich Obama bei den Präsidentschaftswahlen 2008 deutlich durchsetzen, als er seinen republikanischen Gegenkandidat John McCain um rund 150.000 Stimmen abhängte. Doch die Zeiten haben sich geändert.

Mit Terry Edward Branstad, der schon von 1983 bis 1999 Gouverneur von Iowa war, konnte sich bei den Gouverneurswahlen im November 2010 ein Republikaner mit beachtlichem Vorsprung durchsetzen und seinen demokratischen Vorgänger Chester John Culver Anfang 2011 ablösen. Auch wenn Branstadt interessanterweise nicht die Unterstützung der lokalen Teaparty hatte und als eher gemäßigter Republikaner gilt, sollte dies ein Warnsignal für die Demokraten sein.

Auch andere Fakten belegen, wie geteilt die politische Landschaft Iowas ist: Von den zwei US-Senatoren Iowas ist – seit 1970 – einer von den Demokraten und einer von den Republikanern. Obwohl beide Senatoren nicht unterschiedlicher sein könnten – der Demokrat Tom Harkin gehört eher zum liberalen Flügel der Demokraten, während der Republikaner Chuck Grassley ein exponierter Konservativer ist – sind beide in Iowa äußerst populär. Bei den fünf Delegierten des Repräsentantenhauses zeigt sich – mit drei Demokraten und zwei Republikanern – ein ähnliches Bild.

Hinzu kommt, dass Iowa immer wieder auch gegen den Bundestrend wählt. Diese Volatilität könnte unter anderem an der großen Zahl nicht deklarierter Wähler liegen. So wurden im August 2011 offiziell 645.514 demokratische, 610.285 republikanische und 703.828 unabhängige Wähler registriert. Vielleicht gefällt es den Bürgern von Iowa aber auch einfach, ein wenig unberechenbar zu sein – immerhin spülen die Vorwahlkämpfe regelmäßig gutes Geld in die Kassen der lokalen Medien. Und die Aufmerksamkeit der Bundespolitik ist sicherlich ebenfalls nicht zum Schaden des kleinen Bundesstaats. Von Mais alleine kann schließlich niemand leben.

Dieser Beitrag ist von Stefan Bachleitner

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9 Rückmeldungen zu “Ausgerechnet Iowa”

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  1. [...] wir unter anderem die „Battleground States“ vor (diese Serie wurde mit einem Artikel über den „Tall Corn State“ Iowa bereits [...]

  2. [...] Entscheidung bekannt gegeben zu kandidieren – und sie nach der kleinen Straw Poll von Ames (Iowa – ausgerechnet!) als erster wieder zurückgezogen. Schon vor vier Jahren galt der moderate Republikaner im [...]

  3. [...] TV-Spot wurde klug platziert. Er wurde nur ein einziges Mal ausgestrahlt, nämlich im “primary state” Iowa – und im Umfeld eines TV-Auftritts von Perry in The Tonight Show” mit Jay [...]

  4. [...] Paul ist durchaus erfolgreich – weil er seit rund 40 Jahren die gleiche Botschaft trommelt. Im primary state Iowa liegt er laut aktuellen Umfragen im Spitzenfeld – hinter Gingrich und vor Romney. Ein sehr [...]

  5. [...] und Barack Obama 2008 gewonnen hat: Florida, Ohio, North Carolina, Virginia, Indiana, Colorado, Iowa, New Mexico and Nevada. Diese Staaten wählen 112 – weit über ein Drittel der notwendigen 270 [...]

  6. [...] nun hunderte freiwillige UnterstützerInnen aus allen Teilen der USA für seine Kampagne – denn gerade in Iowa kommt es auf die Präsenz vor Ort an. Für Spannung am 3. Jänner ist jedenfalls [...]

  7. [...] 3. Jänner starten die Vorwahlen zum/r republikanischen KandidatIn für die Präsidentschaft in Iowa. Anders als in New Hampshire, dem ersten Primary State, bestimmt Iowa durch Caucuses seine/n [...]

  8. [...] Vorwahlen in Iowa stehen vor der Tür (was man übrigens auch daran erkennt, dass unser Gewinnspiel bald endet), doch [...]

  9. [...] aber Barack Obama nicht gewonnen hat (manchen haben wir einen näheren Blick gewidet: VA, NC, IA), aber je näher die Wahl rückt, desto klarer wird, wohin sich die Wahl konzentriert. So [...]


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