Autorenarchive | Stefan Bachleitner

Strategy Sunday: TV-Debatten

TV-Debatten gehören zu den Highlights jedes Wahlkampfs. Das ist kein Wunder, denn seit einem halben Jahrhundert können sie Wahlen entscheidend beeinflussen. Doch diese Ära könnte enden …

Der persönliche Schlagabtausch von Kandidaten findet ist schon seit längerer Zeit ein Teil von US-Präsidentenwahlen. Die ersten Debatten lieferten sich Abraham Lincoln und Stephen A. Douglas, die 1858 gleich sieben Mal über das damals bestimmende Thema der (gespaltenen) Vereinigten Staaten diskutieren: die Zukunft der Sklaverei – in jeder Hinsicht ein divisive issue. Sonderlich TV-kompatibel waren die damaligen Spielregeln sicherlich nicht, dafür aber höchst dialektisch: 60 Minuten Rede, 90 Minuten Antwort, 30 Minuten Zusammenfassung.

Über 150 Jahre später haben sich die Spielregeln, Themen und ZuschauerInnenzahlen zwar deutlich verändert – doch das Grundprinzip bleibt bestehen. Am kommenden Mittwoch (in unserer Zeitzone am Donnerstag, den 4. Oktober, zwischen 5.00 und 6.30 Uhr 3.00 und 4.30 Uhr morgens) ist es wieder soweit: US-Präsident Barack Obama und sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney treten am Campus der Universität von Denver, Colorado, zum ersten direkten TV-Duell dieses Jahres an.

Große Überraschungen wären dabei, nun ja, überraschend: Die 1987 gegründete, von Demokraten und Republikanern gleichermaßen besetzte „Commission on Presidential Debates“ sieht nämlich strenge Regeln für diese Debatte vor. Dazu gehört die Einteilung der Diskussion in sechs Abschnitte zu je 15 Minuten (drei davon werden sich mit der „Economy“ befassen und je einer mit „Health Care“, „The Role of Government“ und „Governing“). Jeder dieser Abschnitte wird von Moderator Jim Lehrer mit einer Frage eingeleitet, für deren Beantwortung den Kandidaten zwei Minuten zur Verfügung steht – erst danach ist ein echter Schlagabtausch möglich (wobei selbstverständlich streng auf eine ausgewogene Redezeitverteilung geachtet wird).

Trotz dieser Beschränkungen sind die TV-Debatten natürlich einer der letzten Unsicherheitsfaktoren dieses Wahljahres – immerhin haben wir in diesem Wahljahr bereits einen Kandidaten erlebt, dessen Chancen nach einem Aussetzer innerhalb einer Minute implodierten:

Tatsache ist: TV-Debatten können Wahlen entscheiden. Diese Erkenntnis hat sich 1960 durchgesetzt, als ein telegen-frischer John F. Kennedy einen schlecht rasierten Richard Nixon in Verlegenheit brachte und damit Geschichte schrieb. Ab diesem Zeitpunkt war das Fernsehen als dominantes Medium von Wahlkämpfen zu betrachten:

Auch Georg H. W. Bush – Vater von George W. – hatte 1992 wenig Freude damit, dass sein (vor dem Wahlkampf wenig bekannter) Herausforderer Bill Clinton mit Auftritten wie diesem hier entscheidende Punkte machte:

Doch das sind alles Geschichten aus dem Wahlkampf-Museum. Die TV-Duelle werden in diesem Jahr wohl nicht die Bedeutung früherer Jahre haben werden – wofür es gute Gründe gibt:

  • Early Voting: Wie bereits in der vergangenen Woche erläutert, werden immer mehr Stimmen lange vor dem Wahltag abgegeben – und damit in immer geringerem Ausmaß von den Wahldebatten beeinflusst.
  • Ermüdung: Aufgrund des Trends zur vorzeitigen Stimmabgabe wird immer früher immer mehr Geld in die Wahlwerbung gesteckt – weshalb beim Wahlvolk zum Zeitpunkt der TV-Debatten bereits gewisse Ermüdungserscheinungen auftreten könnten.
  • Medienverhalten: Die Veränderung der US-Medienlandschaft trifft auch das Fernsehen. Noch ist es die wichtigste Nachrichtenquelle – doch seine Bedeutung nimmt ab.
  • Professionalisierung: Das Vorwahlsystem in den USA sorgt dafür, dass schlechte debater eher früher als später ausgesiebt werden und keine Chance auf eine Nominierung haben. Sowohl Mitt Romney – der die harten republikanischen Vorwahldebatten zumindest ohne groben Schnitzer überstanden hat – als auch Barack Obama – der vor vier Jahren eine noch viel härtere Schule durchlaufen musste – sind diskussionserprobt. Beide werden so gut auf die TV-Duelle vorbereitet sein, dass ein Totalaussetzer Marke Rick Perry eher unwahrscheinlich ist.
  • Erwartungen: TV-Debatten sind eher zum Nachteil von Amtsinhabern, da diese in offenen Konfrontationen wenig gewinnen, aber viel verlieren können. In der derzeitigen Situation muss hingegen Mitt Romney punkten, um das Rennen noch offen zu halten.

Trotzdem gibt es für hiesige FrühaufsteherInnen mit Interesse an den US-Wahlen in den nächsten Wochen übrigens noch drei weitere Pflichttermine zwischen 5.00 und 6.30 3.00 und 4.30 Uhr morgens (bzw. in den USA: zwischen 21.00 und 22.30 Uhr Eastern Time – des jeweiligen Vortags):

  • Am Freitag, den 12. Oktober, diskutieren Vizepräsident Joe Biden und sein Gegenspieler Paul Ryan über innen- und außenpolitische Themen.
  • Am Mittwoch, den 17. Oktober, stellen sich Obama und Romney der einzigen TV-Debatte dieses Jahres, die in der Form eines town meetings – also mit Publikumsfragen – abgehalten wird.
  • Und am Dienstag, den 23. Oktober, debattieren Obama und Romney über Außenpolitik.

Wer hingegen eher Nachteule als early bird ist, dem/der sei eine mindestens ebenso unterhaltsame Veranstaltung ans Herz gelegt, die am Dienstag, den 9. Oktober – also rund einen Monat vor der Wahl – um 20:00 Uhr im Wiener Filmcasino stattfinden wird. Sie trägt den Titel Best of Wahlkampf – und wird von uns organisiert. Ich hoffe, wie sehen uns …

Nachtrag: In der ersten Fassung habe ich mich leider in den Uhrzeiten vertan und mich an der Zeitzone von Denver, Colorado, statt an der Eastern Standard Time (EST) orientiert. Der Fehler wurde inzwischen korrigiert, sorry for any inconviniences.

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Strategy Sunday: Early Voting

Wann wird in diesem Jahr der US-Präsident gewählt? Am 6. November, so wie es auch der Countdown auf unserem Blog suggeriert? Diese Antwort ist nur zum Teil richtig – denn die Wahlen haben in weiten Teilen der USA bereits begonnen.

Diesen Freitag war es soweit: In Idaho und South Dakota öffneten die ersten Wahlzellen, in denen eine vorzeitige Stimmabgabe möglich ist. Am selben Tag begannen die Briefwahlen in Minnesota, West Virginia, Oklahoma, South Dakota, Georgia, Arkansas, Idaho und Maryland (in North Carolina, Indiana, Kentucky und Wisconsin waren diese sogar schon etwas früher angelaufen). 13 weitere Staaten – South Carolina, New Jersey, Maine, Michigan, Mississippi, New Hampshire, Tennessee, Texas, Vermont, Delaware, Virginia, Louisiana und Missouri – folgten gestern, Samstag, mit der einen oder anderen Form von vorgezogener Wahlmöglichkeit. Anders gesagt: In 25 Bundesstaaten, also rund der Hälfte der USA, kann bereits gewählt werden.

„Early voting“ spielt in den USA eine wichtige Rolle

Während sich der Anteil der BriefwählerInnen in Österreich im einstelligen Prozentbereich bewegt (bei der Nationalratswahl 2008 gingen „nur“ 375.634 der fast fünf Millionen abgegebenen Stimmen auf das Konto von BriefwählerInnen), spielt das Wählen vor dem Wahltag in den USA ein deutlich größere Rolle. Bei den Präsidentschaftswahlen 2008 waren beachtliche 30 % aller abgegebenen Stimmen auf „early voting“ zurückzuführen. Damit wurde der Trend der US-Wahlen 2004, bei denen der „early voting“-Anteil auf 20 % angestiegen war, noch einmal deutlich gesteigert.

Eine der Hauptursachen dafür war die Obama-Kampagne des Jahres 2008. Vor vier Jahren (so wie vermutlich auch heuer) waren die Demokraten den Republikanern im „ground game“ deutlich überlegen – und sicherten Obama mit einer überwältigenden Mehrheit der „early votes“ den Einzug ins Weiße Haus.

Obamas stärkste Wahlkampfwaffe

Obamas damaliger Gegenspieler John McCain hätte vor vier Jahren so wichtige swing states wie Florida, Colorado, North Carolina oder Iowa glatt gewonnen, wenn nur die am Wahltag abgegebenen Stimmen gezählt worden wären. Doch die „Get Out The Vote“-Bemühungen der Demokraten waren perfekt darauf abgestimmt, die Stimmen der eigenen WählerInnen bereits vor dem Wahltag zu gewinnen. Dabei setzte das Obama-Camp nicht nur auf die bewährte Mobilisierung deklarierter AnhängerInnen – durch gezielte Online-Werbung, E-Mails, SMS-Nachrichten, Hausbesuche und Telefonanrufe gelang es den Demokraten damals auch, sympathisierende Nicht-WählerInnen zur bequemen Stimmabgabe vor dem Wahltag zu bewegen.

Auch 2012 gilt: „Early voting“-Initiativen sind entscheidend, um für Obama äußerst wichtige WählerInnengruppen (wie z. B. Afro-AmerikanerInnen, die in der Regel eine unterdurchschnittliche Wahlbeteiligung aufweisen) zum Wählen zu bewegen.

Kein Wunder also, dass die Republikaner darum bemüht sind, den für sie eher ungünstigen Trend zum „early voting“ einzudämmen – insbesondere in wahlentscheidenden swing states. In Florida beschlossen sie im vergangenen Jahr ein Gesetz, mit dem die Zahl der vorzeitigen Wahltage von 14 auf acht reduziert wurde. Und in Ohio brachten sie eine Wahlrechtsänderung durch, mit der das Wählen am Wochenende und dem Montag vor dem Wahltag deutlich erschwert wird. (In beiden Fällen sind Gerichtsverfahren anhängig, mit denen die Demokraten diese Gesetze noch zu Fall bringen wollen.)

Souls to the polls

Das „Weekend Voting“ ist den Republikanern nicht zuletzt deshalb ein Dorn im Auge, weil sich 2008 zahlreiche Kirchen mit afro-amerikanischen Gemeindemitgliedern an der Aktion „souls to the polls“ beteiligten. Im Zuge dieser Aktion konnten Kirchgang und Wahlakt in einem Aufwaschen erledigt werden, wie diese Wählerin der britischen Zeitung „The Guardian“ berichtet:

(„Souls to the polls“ ist in meinen Augen ein schönes Beispiel für die strategisch-kreativen Seiten, aber auch für die Eigenheiten der US-Präsidentschaftswahlen. Nun ja, abgesehen von jenen österreichischen Kleingemeinden, in denen auch zwischen Kirchenbesuch und Frühschoppen gewählt wird.)

Starke Auswirkungen auf den Kampagnen-Fahrplan

Der generelle Trend zum „Early voting“ hat starke Auswirkungen auf die strategische und organisatorische Ausgestaltung von Wahlkampagnen in den USA. Noch vor einem Jahrzehnt waren „Get Out The Vote“-Aktivitäten, mit denen die WählerInnen zu den Wahlurnen gebracht wurden, ein organisatorischer Kraftakt, der auf wenige Tage konzentriert war. Heute handelt es sich dabei um wochenlange Operationen, mit deren Vorbereitung bereits am Tag nach der vorigen Wahl begonnen werden muss.

Der Umstand, dass der US-Präsident inzwischen eher im Oktober als im November gewählt wird, wirbelt die klassische Dramaturgie der Kampagnen jedenfalls stark durcheinander. Üblicherweise zielen Wahlkampagnen darauf an, ihren Höhepunkt – sprich: die meiste Aufmerksamkeit und die maximale Mobilisierungskraft – möglichst nah am Wahltag zu erreichen. Doch bei den diesjährigen US-Wahlen ist jeder Tag im Oktober bereits ein Wahltag. Deshalb dürften beiden Kampagnen in diesem September wahrscheinlich so viel Geld in Wahlwerbung pumpen wie noch nie in der Geschichte des US-Wahlkampfs zu diesem Zeitpunkt. Auch die (heuer am 3. Oktober beginnenden) TV-Konfrontationen der beiden Kandidaten verlieren – zumindest etwas – an Bedeutung, wenn immer mehr Stimmen zu diesem Zeitpunkt bereits vergeben sind.

Wie stark die vorhandenen „early voting“-Angebote in den nächsten Wochen von den US-WählerInnen angenommen werden, kann getrost als Indikator für die Wiederwahlchancen Barack Obamas gewertet werden. Vielleicht gelingt es seiner (im field gut organisierten) Kampagne auch in diesem Jahr wieder, überdurchschnittlich viele WählerInnen bereits vor dem Wahltag zur Stimmabgabe zu bewegen – in diesem Fall wären die Kampagnenausgaben des Romney-Lagers in den letzten Tages des Wahlkampfs mit Geldverbrennung gleichzusetzen. Angesichts der schwächelnden US-Wirtschaft und der dementsprechend gedämpften Begeisterung für den Amtsinhaber könnten die „early votes“ im Vergleich zu 2008 aber auch extrem schwach ausfallen – was dem Romney-Camp Auftrieb verleihen würde. Let’s see …

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Strategy Sunday: Außenpolitik

Es gibt in jedem Wahlkampf Ereignisse, die selbst mit der besten Planung und Vorbereitung nicht vorhergesehen werden können – und den Verlauf einer Kampagne maßgeblich beeinflussen können. Die vergangene Woche ist ein Beispiel dafür.

Für Kettenreaktionen wie diese hat keine Kampagne ein Drehbuch in der Schublade: In Kalifornien dreht jemand ein islamfeindliches Video und stellt es auf YouTube. Aufgebrachte Muslime aus aller Welt protestieren daraufhin vor US-Botschaften. In Kairo eskaliert die Situation und die Botschaft wird von Demonstranten gestürmt. Und im libyschen Bengasi nutzen militante Gruppen diese Stimmung für eine bewaffnete Attacke, bei der US-Botschafter Chris Stevens und drei weitere US-Bürger getötet werden.

Es ist vollkommen klar, dass ein derart schwerwiegender Vorfall – 1979 war das letzte Mal ein US-Botschafter im Dienst getötet worden – nicht ohne Reaktion des Amtsinhabers und seines Herausforderers um das höchste Amt im Staat bleiben kann. Schließlich sind es vor allem die außenpolitischen Kompetenzen des US-Präsidenten, die dieses Amt zur mächtigsten politischen Funktion der Welt machen.

Außenpolitik? Not the economy, stupid?

An dieser Stelle ist ein kleiner Exkurs fällig, schließlich besteht hierzulande der Eindruck, dass Außenpolitik den US-WählerInnen relativ schnurz wäre. Wie sonst könnte es dazu kommen, dass dort immer wieder KandidatInnen populär sind, die in Sachen foreign policy schwerwiegende Wissenslücken aufweisen? Man stelle sich nur vor, wie es den Republikanern heute mit Herman Cain als Präsidentschaftskandidat gehen würde:

Es mag sein, dass politische Ausführungen über die nationalen Interessen der USA in Regionen, die auf der entgegengesetzten Seite des Planeten liegen, durchschnittliche WählerInnen in den Vereinigten Staaten eher langweilen – so wie die meisten ÖsterreicherInnen auch stärker am fußballerischen Können als an der geopolitischen Bedeutung Kasachstans interessiert sein dürften.

Der entscheidende Punkt ist, dass der US-Präsident über weitreichende Befugnisse im militärischen Bereich verfügt und damit im wahrsten Sinne des Wortes über Tod und Leben entscheiden kann. Und dort, wo es um das Leben von US-BürgerInnen geht, wird die sonst eher fade Außenpolitik zu einem hochbrisanten Thema – das nicht nur für Mitglieder der Streitkräfte und deren Angehörige höchst relevant ist.

Ein gewisses außenpolitisches Profil ist daher für jede/n Bewerber/in im Rennen um das Weiße Haus unverzichtbar (und wird aus genau diesem Grund im Rahmen der Vorwahlen abgetestet). Es ist also kein Zufall, dass Barack Obama seinem Herausforderer auf der letztwöchigen Convention der Demokraten mangelnde außenpolitische Erfahrung vorwarf (ein Kritikpunkt, mit dem er vor vier Jahren selbst zu kämpfen hatte):

Romney unter Druck

Mitt Romney steht also unter einem gewissen Zugzwang, außenpolitische Kompetenz an den Tag zu legen – zumal seine dafür vorgesehene Auslandstour nicht richtig rund lief. Dabei hat er bereits mit seinem (für Präsidentschaftskandidaten obligatorischen) Buch „No Apology“ daran gearbeitet, sich ein außenpolitisches Profil zu verpassen. Der Versuch, diese Positionierung in der aktuellen Situation zu verstärken, dürfte ihm allerdings eher geschadet haben.

CNN hat die Chronologie der Ereignisse minutiös dokumentiert. Am Donnerstag wurden im Laufe des Abends (US-Zeit) immer mehr Informationen über die Vorfälle in Kairo und Bengasi veröffentlicht. So wurde bereits der Tod eines US-Bürgers bestätigt, ohne dessen Identität bekannt zu geben.

Um 22.10 Uhr, es waren noch lange nicht alle Details des Vorfalls bekannt, verschickte das Romney-Camp eine Presseaussendung, in der die Obama-Administration – auf einer Linie mit der Kernbotschaft von „No Apology“ – scharf attackiert wurde:

„I’m outraged by the attacks on American diplomatic missions in Libya and Egypt and by the death of an American consulate worker in Benghazi. It’s disgraceful that the Obama Administration’s first response was not to condemn attacks on our diplomatic missions, but to sympathize with those who waged the attacks.“

Obwohl diese Aussendung eine Sperrfrist bis Mitternacht hatte, sprangen die Medien sofort darauf an. Die Kampagne sah sich rasch gezwungen, die Sperrfrist aufzuheben und ab 22.25 Uhr waren die Aussagen Romneys in allen Medien.

Wie man aus kleinen Fehler große macht …

Romneys Problem: Sein Camp hatte noch keinen vollständigen Überblick über die Abfolge der Ereignisse. Im Bemühen, rasch zu reagieren, wurde ein außerordentlich harter Vorwurf auf eine nicht sonderlich stabile Faktenbasis gestellt. Zwar hatte die US-Botschaft in Kairo tatsächlich versucht, die aufgeheizte Lage mit einer (indirekten) Distanzierung von dem in den USA gedrehten Film zu beruhigen (O-Ton: „firmly reject(s) the actions by those who abuse the universal right of free speech to hurt the religious beliefs of others“), doch das war vor der vorübergehenden Besetzung ihres Geländes und dem Anschlag in Bengasi. Dieses Detail passte aber nicht in das Storyboard der Romney-Kampagne – und wurde deshalb nicht ausreichend überprüft oder sogar bewusst weggelassen …

Am nächsten Morgen – inzwischen war klar, dass der US-Botschafter in Libyen getötet worden war – hätte Romney diesen Schnitzer noch relativ einfach korrigieren können. Mit dem Hinweis, dass politische Differenzen angesichts der aktuellen Ereignisse in den Hintergrund treten sollten, hätte er einen geordneten Rückzug antreten können. Doch statt auf Schadensminimierung zu setzen, blieb er im Angriffsmodus und bekräftigte seine Vorwürfe im Rahmen einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz:

Mit diesem Auftritt konterte sich Romney selbst aus, denn er vermittelte den (wohl zutreffenden) Eindruck, dass er aus einer menschlichen Tragödie politisches Kleingeld schlagen wollte. Ein derartiges Verhalten wird von den WählerInnen bestraft – was wohl auch jene Republikaner wissen dürften, die sich prompt von ihrem Präsidentschaftskandidaten distanzierten (oder zumindest versuchten, seine Aussagen zu relativieren).

Shoots first, aims later

Der Amtsinhaber ließ sich diese Steilvorlage nicht nehmen und kanzelte Romney mit einem guten Ratschlag ab – bei dem die Betonung eindeutig auf Schlag liegt:

Romney hat nun ein echtes Problem: Statt sein außenpolitisches Profil zu schärfen, hat er eine potenzielle Angriffsfläche eröffnet. Er droht damit in eine Diskussion zu geraten, die ihn daran hindert, sein Kernthema – die Ankurbelung der schwächelnden US-Wirtschaft – in den Mittelpunkt des Wahlkampfs zu rücken. Im Gegenteil: Nach der Verlegung US-Kriegsschiffen vor die libysche Küste könnte Libyen noch etwas länger die Schlagzeilen dominieren. Und Romney bleiben nur noch rund 50 Tage …

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Strategy Sunday: Positionswechsel

Positionierung gehört zu den Kerndisziplinen der Politik (ich habe in diesem Blog schon vor Monaten darüber geschrieben). Wer die richtige Position einnimmt, muss den Entwicklungen nicht nachlaufen, sondern erwartet sie. Was simpel klingt, ist in der Praxis alles andere als einfach zu bewerkstelligen. Noch viel schwieriger ist allerdings die hohe Kunst der Repositionierung.

Die acceptance speech von Barack Obama auf der dieswöchigen Democratic National Convention ist ein gutes Beispiel dafür, wie „Re-Branding“ aussieht (und wie schwierig es ist):

Vergleichen wir diese Rede doch einfach mit dem Präsidentschaftskandidaten Barack Obama des Jahres 2008. Selber Mann, selber Auftritt, vier Jahre früher:

Nicht nur die Bilder sprechen unterschiedliche Sprachen (meine Analyse davon konnte man im Café Puls sehen), auch der Kandidat selbst ist ein anderer. 2008 war Obama noch ein „game-changer“, der für Hope und Change stand. Ein unverbrauchtes Gesicht mit einem frischen Zugang, dessen größte Schwachstelle mangelnde Erfahrung war (erinnern wir uns nur an den Telefon-Spot von Hillary Clinton während der damaligen Vorwahlen).

Vier Jahre später hat Obama nicht nur ein paar graue Haar mehr, er präsentiert sich auch deutlich reifer und erfahrener. Dementsprechend lieferte er keine enthusiastische, großspurige Rede, sondern setzte eher auf „elegische Demutsgesten“, wie es Christian Ultsch in der Presse sehr treffend formulierte. Obama sprach seine Re-Positionierung in seiner Rede sogar direkt an: „I’m no longer just a candidate. I’m the President.“

  • Als Präsident steht Obama nicht mehr für Change, sondern warnt davor, die Pferde in der Mitte des Flusses zu wechseln und appelliert an das Verständnis und die Geduld seiner WählerInnen: „Now I won’t pretend the path I’m offering is quick or easy. You elected me to tell you the truth. And the truth is, it will take more than a few years for us to solve challenges that have built up over decades.“
  • Als Präsident muss er sich nicht mehr für seine mangelnde Erfahrung rechtfertigen, sondern wirft diese seinem Herausforderer vor. In einer sehr interessanten Passage seiner Rede (ab Minute 22:09) kritisiert er Mitt Romney und Paul Ryan z. B. dafür, „new to foreign policy“ zu sein.
  • Als Präsident setzt Barack Obama auf den „Spatz in der Hand“-Faktor. Immerhin wissen die WählerInnen bei ihm, was sie bekommen – während die WählerInnen nur spekulieren können, wie sich vier Jahre Mitt Romney anfühlen werden.

Anders als noch vor vier Jahren, kann sich Barack Obama als Präsident nicht beliebig positionieren. Er hat keine andere Wahl, als diese Rolle anzunehmen und ihre Vorteile zu nutzen. Die WählerInnen vor Experimenten in schwierigen Zeiten warnen zu können, ist immerhin einer davon …

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USA2012.at lädt ins Filmcasino!

Die US-Wahlen rücken näher und immer mehr Veranstaltungen stimmen uns auf dieses Großereignis ein. Da wollen wir von USA2012.at nicht zurückstehen: Am 9. Oktober 2012 laden wir unsere treuen LeserInnen (und solche, die es noch werden wollen) ins Wiener Filmcasino.

Ziemlich genau einen Monat vor den US-Wahlen präsentieren wir dort die besten Wahlkampfvideos des Jahres. Die von uns kommentierte Zusammenstellung der witzigsten, kuriosesten und emotionalsten Kampagnenspots und TV-Momente der vergangenen Monate bietet einen (sicherlich kurzweiligen) Rückblick auf das bisherige Geschehen dieses Wahljahres. Wir freuen uns auf euer Kommen – der Eintritt ist übrigens frei.

Hier die Eckdaten

Best of Wahlkampf
Dienstag, 9. Oktober 2012
Beginn: 20.00 Uhr
Filmcasino, Margaretenstraße 78, 1050 Wien (siehe Map unten)
Eintritt frei!

Hier geht’s zur Anmeldung auf Facebook:
https://www.facebook.com/events/267068793412009/


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Strategy Sunday: Soft Media

Am 20. August war es wieder einmal soweit. US-Präsident Barack Obama erschien unangekündigt auf dem täglichen news briefing des Weißen Hauses, um sich 21 Minuten lang den Fragen der JournalistInnen zu stellen. Ein alltäglicher Vorgang in einem Wahljahr? Mitnichten. Denn das White House Press Corps hatte den US-Präsidenten zwei Monate lang nicht zu Gesicht bekommen …

Obamas Medienberater gehen in diesem Wahljahr auf Nummer sicher. Während die kritischen Fragen der Hauptstadtpresse weiträumig umfahren wurden, durften sich auflagenstarke Seitenblicke-Medien über exklusive Interviews freuen. Die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache: Obamas letzte Pressekonferenz vor dem oben erwähnten Auftritt hatte am 19. Juni stattgefunden – im Rahmen des G20-Treffens in Los Cabos, Mexiko. Das letzte Mal im briefing room war er am 8. Juni gewesen (und wer nach seinem letzten offiziellen „presser“ im Weißen Haus sucht, muss im Kalender sogar bis zum 6. März diesen Jahres zurückblättern). Nur zum Vergleich: George Bush und Bill Clinton hatten in ihren Wiederwahljahren gegen Mitte August bereits 17 bzw. 16 Pressekonferenzen gegeben, Barack Obama hielt zu diesem Zeitpunkt erst bei acht.

Relativ lange nahmen die akkreditierten JournalistInnen des Weißen Hauses diese Tatsache gelassen hin – schließlich war Obama aufgrund seiner Wahlkampfauftritte in diversen battleground states viel unterwegs. Da er dort den VertreterInnen der (vor allem lokalen) Medien immer wieder Rede und Antwort stand, war nicht gleich erkennbar, welche Medienstrategie seine Kampagne verfolgte. Hinzu kam, dass die Medienberater seines Herausforderer Mitt Romney bis Anfang August auf eine noch restriktivere Kontrolle des Kontakts zwischen ihrem Kandidaten und der Presse setzten (wie ich an dieser Stelle analysiert habe).

Etwas unruhig wurde die Hauptstadtpresse allerdings, als Mitt Romney im Zuge seiner neu justierten Medienstrategie anfing, Pressekonferenzen zu geben, während der US-Präsident weiterhin darauf verzichtete – und lieber reichweitenstarken Celebrity-Formaten wie dem Magazin „People“ und der TV-Show „Entertainment Tonight“ Exklusiv-Interviews gab. Nicht nur ABC’s White House-Korrespondent Jake Tapper veröffentlichte daraufhin einen kritischen Blogpost, zahlreiche Medienberichte (in denen namhafte JournalistInnen ihren Unmut äußerten) thematisierten plötzlich den Umstand, dass Obama lieber dem Sportsender ESPN und anderen „sanften Medien“ Rede und Antwort stand als den kritischen RedakteurInnen der landesweiten Politikformate. „Tom Cruise and Katie Holmes were together“ als Obama das letzte Mal eine Pressekonferenz gab, fingen die Republikaner prompt an zu ätzen – und machten sich über die Softball-Interviews des Amtsinhabers auch online lustig:

Das Presseteam Barack Obamas erkannte rasch, dass es diesen Bogen nicht überspannen darf: Drei Tage später stellte sich der Amtsinhaber – wie eingangs erwähnt – auf dem news briefing des Weißen Hauses den Fragen der JournalistInnen. Letztlich dürfte dieser Auftritt aber vor allem der Beschwichtigung gedient haben, denn die „Soft Media“-Strategie des Obama-Camps macht in mehrfacher Hinsicht Sinn:

  • Sympathie: Je negativer der Wahlkampf wird (und in diesem Jahr stehen alle Zeichen auf Schlammschlacht), desto wertvoller sind sympathische Auftritte in publikumsstarken Formaten.
  • Präsenz: Nur ein Bruchteil der US-Bevölkerung verfolgt das Wahlkampfgeschehen so intensiv wie wir. Die Mehrheit der (unentschlossenen) WählerInnen lässt sich über politikferne Medien weitaus leichter erreichen als über eine spannende Analyse in der Washington Post. Eine gewisse Streuung der Präsenz ist also durchaus vorteilhaft.
  • Fehlervermeidung: Als Barack Obama sich am 8. Juni den Top-JournalistInnen Washingtons stellte, brachte er sich mit dem Nebensatz „The private sector is doing fine“ in Bedrängnis. Auf KOBFM (siehe oben) ist es hingegen eher unwahrscheinlich, dass ihm Fragen gestellt werden, die ihn derart in Verlegenheit bringen können.

Selbst republikanische Strategen kommen nicht umhin, Obamas „Soft Media“-Strategie zähneknirschend eine gewisse Cleverness zu attestieren. Und es ist natürlich kein Zufall, dass Mitt Romney das erste gemeinsame Interview mit seinem Vizepräsidentschaftskandidaten Paul Ryan ausgerechnet der Promipostille „People“ gab – solange der Wahlkampf noch nicht die gesamte Land erfasst hat, ist das durchaus zielführend.

Auch hierzulande können „Soft Media“-Strategien immer wieder beobachtet werden. Zwar ist Österreichs Medienlandschaft (selbst unter Einrechnung diverser deutscher Medien) kaum mit der schier unendlichen Vielfalt des US-Medienmarkts vergleichbar. Doch Benita Ferrero-Waldner setzte z. B. – mit einer leicht royalen Attitüde – in der ersten Phase ihres Hofburg-Wahlkampfs 2004 durchaus erfolgreich auf jene Medien, die bevorzugt beim Friseur aufliegen. Und aktuell versucht beispielsweise Heinz-Christian Strache (mit Stories über seine Lebensgefährtin) die harten Kanten seines polarisierenden Profils ein wenig abzuschleifen.

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Strategy Sunday-Buchtipp: Einblicke ins Innenleben des Obama-Camps

Ein brandaktuelles Buch über die Obama-Kampagne enthüllt, dass sich hinter den Kulissen einige Konflikte im Lager des US-Präsidenten abspielen. Kein Wunder, denn die Abstimmung zwischen einem Kampagnenteam einerseits und den eingespielten BüromitarbeiterInnen eines Amtsinhabers andererseits sind die Sollbruchstelle jedes Wahlkampfs.

Politico, eines der Portale für Politikjournalismus in den USA, hat nun das erste von vier Büchern eines von vier eBooks veröffentlicht, die sich den diesjährigen Präsidentschaftswahlen widmen. „Obama’s Last Stand“ basiert auf umfrangreichen Interviews mit MitarbeiterInnen und engen Vertrauten des US-Präsidenten und seiner Kampagne. Es liefert zahlreiche interessante Einblicke hinter die Kulissen – und offenbart große Spannung im Lager des Amtsinhabers.

Sand im Getriebe

Vor allem die Koordination zwischen dem West Wing des Weißen Hauses, wo die MitarbeiterInnen des US-Präsidenten ihre Büros haben, und der Zentrale von Obamas Wiederwahlkampagne in Chicago soll alles andere als friktionsfrei ablaufen. Als jemand, der schon eine bundesweite Wahlkampagne leiten durfte, wundert mich das nicht. Tatsächlich ist die Verbindung zwischen den – über Jahre gut eingespielten – engsten MitarbeiterInnen eines/einer PolitikerIn und dem (im Vergleich dazu eher kurzfristig organisierten) Kampagnenbüro die Sollbruchstelle jede Kampagne.

An diesem Punkt prallen zwei Welten aufeinander: Die Einen sind müssen sich um das politische Tagesgeschäft eines/einer FunktionsträgerIn kümmern, die Anderen sind vollkommen auf den Wahlkampf fokussiert. Die Einen stehen seit Jahren in täglichen Kontakt mit dem/der KandidatIn und genießen entsprechend großes Vertrauen, die Anderen sitzen – in diesem Fall rund 1.000 Kilometer vom Weißen Haus entfernt – in einem Kampagnenbüro, in dem der/die KandidatIn nur selten zu sehen ist (schließlich sind dort keine zusätzlichen WählerInnenstimmen zu holen). Die Einen müssen lernen, die gewohnte Aufgabenteilung in Wahlkampfzeiten umzustellen, die Anderen müssen darauf Rücksicht nehmen, dass es auch noch politisch relevante Aufgaben abseits des Wahlgeschehens gibt. Beide Seiten arbeiten für das selbe Ziel, doch mit unterschiedlichen Prioritäten und Bedürfnissen. Spannung sind so (auch ohne die im Politgeschäft üblichen Machtkämpfe) vorprogrammiert – zumal der Druck vor einer wichtigen Wahlentscheidung kontinuierlich zunimmt.

Ich hatte das Glück, im Rahmen der Wiederwahlkampagne unseres Bundespräsidenten immer einen guten, spannungsfreien Draht zu dessen Büro zu haben – was auch dem Geschick eines so erfahrenen Kandidaten wie Heinz Fischer zu verdanken ist, der ein gutes Händchen bei der Auswahl von MitarbeiterInnen hat und dessen persönlicher Stil auch in stressigen Zeiten für einen respektvollen Umgang miteinander sorgt. Jim Messina, Leiter der Wiederwahlkampagne von Barack Obama hat es da – wie das nun erschienene Buch aufzeigt – deutlich schwerer. Dessen Lektüre kann allen (potenziellen) WahlkampfleiterInnen nur wärmstens empfohlen werden …

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Strategy Sunday: First Ladies

First Lady zu sein ist ein full-time job, aber kein Beruf. Weder gibt es ein Gehalt, noch ein Aufgabenprofil dafür. Dennoch spielen die besseren Hälften der Präsidentschaftskandidaten eine wichtige Rolle im Rennen um das Weiße Haus – wie nicht nur die anstehenden Conventions zeigen.

Die OrganisatorInnen des diesjährigen republikanischen Parteikonvents sind nicht zu beneiden. Zum Einen könnte ihnen der tropische Sturm „Isaac“ – so wie schon vor vier Jahren Hurrikan Gustav – die Party mehr als verregnen. Und zum Anderen dürften sie das Interesse der landesweiten US-Fernsehstationen an ihrem Polit-Spektakel falsch eingeschätzt haben. Denn NBC, CBS and ABC haben entschieden, vom ersten Tag der GOP-Convention kommenden Montag nicht live zu berichten, da sie – so wie bei den vergangenen beiden Wahlen – „nur“ jeweils drei Stunden direkt von den beiden Parteitagen übertragen werden. (Auch die medientauglichste Politikinszenierung in den USA kennt so etwas wie Quotendruck.) Das ist insofern ärgerlich für die Republikaner, als an diesem Abend die Rede von Ann Romney, der Ehefrau von Mitt, geplant gewesen wäre. Um ihrem Auftritt mehr Publikum zu sichern, wird er nun voraussichtlich auf Dienstag verlegt. Alleine diese Verschiebung ist ein deutlicher Beleg dafür, wie wichtig die Rolle der Frau an der Seite eines Kandidaten inzwischen geworden ist.

Seit Pat Nixon 1972 auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner Stimmung für ihren Mann machte, gehört die Rede der (potenziellen) First Lady zu den fixen Programmpunkten jeder Convention (eine Präsidentschaftskandidatin gab es in den USA bislang noch nicht). Nixon war allerdings nicht die erste Frau eines Kandidaten, die diese Aufgabe übernahm: Es war Eleanor Roosevelt – die Hillary Clinton ihrer Zeit (wenn Hillary nicht eher als Eleanor unserer Zeit betrachtet werden müsste) – die 1940 auf dem Konvent der Demokraten erstmals als First Lady das Wort ergriff.

Das informelle Aufgabenprofil

Ann Romney ist sicherlich ein Aktivposten für die Wahlchancen ihres Mannes, schließlich erfüllt sie die klassischen Aufgaben einer Kandidatenfrau mit großer Hingabe: Sie vertritt ihren Mann bei Terminen, die er nicht wahrnehmen kann, macht ihn durch persönliche Anekdoten menschlicher und übersetzt seine politischen Positionen auf eine alltägliche Ebene. Auch Attacken gegen ihren Mann verurteilt sie regelmäßig (was zum Standardrepertoire jeder Kampagne gehört, da Stellungnahmen von PartnerInnen im Regelfall weniger leicht kritisiert werden können). Ein gutes Beispiel für die Rolle von Ann Romney ist dieser erfolgreiche Werbespot aus dem Jahr 2002, mit dem sich ihr Mann als Gouverneur von Massachusetts bewarb:

Doch auch die amtierende First Lady, Michelle Obama, ist intensiv in das Wahlkampfgeschehen involviert. So ist es alles anderes als ein Zufall, dass sie am dritten Tag der republikanischen Convention einen Auftritt in der Late Show von David Letterman hat, was den Republikanern ein Stück des Aufmerksamkeitskuchens kosten könnte.

Derartige Medientermine sind nur ein kleiner Mosaikstein der Rolle von Michelle Obama in diesem Wahlkampf. Ihre Hauptfunktion besteht darin, Frauen (und hier vor allem afro-amerikanische Frauen) zu mobilisieren – weshalb sie auch das Gesicht der „It Takes One“-Initiative der Obama-Kampagne ist. Dabei darf sie u. a. auf die Unterstützung prominenter Testimonials wie z. B. Beyoncé Giselle Knowles zählen:

Vielleicht bin ich durch die eine oder andere Kampagnenerfahrung schon zu skeptisch geworden, aber meines Erachtens ist der im Mittelpunkt dieses Spots stehende Brief von Beyoncé zu perfekt auf die Erwartungshaltung der (für die Demokraten relevanten) US-WählerInnen abgestimmt, um tatsächlich persönlich zu sein. Schon in den ersten Zeilen deckt er alle Facetten einer strategischen Positionierung ab:

  • Als „strong african american woman“ wird sie zum role model jener Wählerinnengruppe stilisiert, die maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass Barack Obama 2008 eine Mehrheit der Frauenstimmen erringen konnte.
  • Die Beschreibung als „caring mother“ und „loving wife“ sichert ihr positive Emotionen und spielt die politische Relevanz ihrer Rolle in den Hintergrund – schließlich können sich die Demokraten noch gut daran erinnern, dass der politisch ambitionierte „two-for-one“-Auftritt der damaligen First Lady Hillary Clinton bei den WählerInnen schlecht ankam.
  • Und als „true First Lady“ wird ihr – immerhin von einem Superstar – jener Glamour zugesprochen, der die erste Frau im Weißen Haus (nicht erst seit Jacqueline Kennedy) zur Stilikone macht.

Diese Positionierung von Michelle Obama basiert auf einer Analyse der Rezeption ihrer Vorgängerinnen – und wurde in den vergangenen vier Jahren konsequent erarbeitet. Einer ihrer Vorteile dabei ist, dass Präsidentengattinnen (trotz ihrer hohen Bekanntheit= nicht in die Tagespolitik involviert sind und sich daher aussuchen können, zu welchen gesellschaftlichen Anliegen sie sich exponieren. Nicht zuletzt deshalb weisen sie im Regelfall auch bessere Beliebtheitswerte als ihre Ehemänner auf. Dabei ist Hand in Hand mit der medialen Nachfrage nach klaren Profilen seit den 60er-Jahren ein Trend zur thematischen Fokussierung des gesellschaftliches Engagement der First Ladies beobachtbar: Denkmalpflege, Umweltschutz, Freiwilligenarbeit, Frauenrechte, Drogenprävention und Analphabetismus sind nur ein paar der Themen, denen sich die First Ladies seit Jackie Kennedy annahmen. Michelle Obamas Thema ist die Bekämpfung von Fettleibigkeit bei Kindern, für die sie die Initiative Let’s move ins Leben gerufen hat.

Höchstwahrscheinlich sind ihre persönlichen Interessen weitaus breiter gefächert – Michelle Obama ist immerhin die dritte First Lady in Folge, die einen Universitätsabschluss hat (sie rangierte im Dezember 2008 auf Rang 9 der einflussreichsten AbsolventInnen der Harvard Law School). Das schützt sie allerdings nicht davor, auch die traditionellen Aspekte ihrer Rolle zu erfüllen – und sei es bloß der „First Lady cookie contest“, an dem schon ihre Vorgängerinnen teilnehmen mussten.

Kein Gehalt, aber ein Dutzend MitarbeiterInnen

Michele Obama bekommt für ihr inoffizielles Amt übrigens kein Gehalt. Der Staat finanziert lediglich ihre Unterbringung um Weißen Haus, ihre Reisekosten und den Schutz ihrer Person. Dafür hat sie allerdings Anspruch auf einige MitarbeiterInnen, die ihr die Unterstützung des Präsidenten bei der Ausübung seiner Pflichten ermöglichen sollen („help the president to carry out the duties of the presidency“ heißt es im Jahresbudget des Weißen Hauses). Unter den 468 Mitgliedern des „White House Staff“ haben immerhin zwölf irgendeine Funktion im Zusammenhang mit der First Lady auf ihrer Visitenkarte stehen – von „Press Secretary“ über „Director of Correspondence“ bis hin zu „Deputy Director Of Advance And Traveling Aide“ (deren Gehaltskosten von über einer Million US-Dollar pro Jahr übrigens penibel genau veröffentlicht werden).

Doch auch dieses Team kann sie nicht vor einer eher unangenehmen Pflicht bewahren, die ihr – früher oder später – bevorstehen wird: Seit Edith Roosevelt im Jahr 1908 damit anfing, gehört es traditionell zu den letzten Aufgaben jeder First Lady, ihre Nachfolgerin durch das Weiße Haus zu führen – ein Termin, den kaum eine Präsidentengattin mit großer Freude absolviert hat. Im November wird sich zeigen, ob sie Ann Romney dazu einladen muss …

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Strategy Sunday: Showtime

In etwas mehr als einer Woche geht es richtig los: Der am 27. August beginnende Parteikonvent der Republikaner wird Mitt Romney offiziell zum Präsidentschaftskandidaten der GOP nominieren und damit die heiße Phase des US-Wahlkampfs einläuten. In der Woche danach steht die Democratic National Convention auf dem Programm. Grund genug, sich schon ein wenig auf die beiden größten Events des Wahlkampfs einzustimmen.

Was die Opening Ceremony für die Olympischen Spiele ist, sind die National Conventions für die Präsidentschaftswahlen in den USA. Formell werden auf diesen landesweiten Parteiversammlungen die PräsidentschaftskandidatInnen gekürt – es ist jedoch schon lange nicht mehr so, dass diese erst dort bestimmt werden. Die letzte offene Wahl im Rahmen einer „brokered convention“ lieferten sich die Demokraten 1952 (und brachten Adlai E. Stevenson damit nicht in Weiße Haus). In den Folgejahren stand der Präsidentschaftskandidat der jeweiligen Partei – trotz einiger knapper Vorwahlen (wie jene 2008 zwischen Barack Obama und Hillary Clinton) – immer schon vor der jeweiligen Convention fest.

Der Job der Delegierten auf den National Conventions besteht also bloß noch darin, die Entscheidung der Vorwahlen nachvollziehen – und für eine stimmungsvolle Kulisse zu sorgen, mit der die jeweilige Partei ihre Einigkeit demonstriert. Der Trend zur kampagnentauglichen Inszenierung ist vor allem den Medien geschuldet. Da die klassischen Parteitage durch sinkende Einschaltquoten Gefahr liefen, in den Teufelskreis der medialen Bedeutungslosigkeit zu geraten, wurden die Conventions seit den 1970er-Jahren immer stärker zu TV-gerechten Zeremonien umgestaltet. Die Choreografie zielt dabei weitaus stärker auf die Zuschauer vor den Bildschirmen ab als auf die Delegierten vor Ort. Den Grundrhythmus gibt die abendliche prime time der landesweiten TV-Stationen vor, für deren Live-Berichte die prominentesten RednerInnen reserviert werden. Seit 1972 ist die Rede der (potenziellen) first lady ein fixer Bestandteil des Programms, der vorletzte Abend gehört dem Vizepräsidentschaftskandidaten und am letzten Abend findet der große Auftritt des Präsidentschaftskandidaten statt.

Hollywood lässt grüßen

Dessen Rede, mit der er laut Protokoll seine Nominierung akzeptiert, ist der traditionelle Höhepunkt jeder Convention – und wird entsprechend aufwendig inszeniert. Die acceptance speech von Barack Obama 2008 fand (im Rahmen einer als „open convention“ breit eingeladenen Abschlussveranstaltung) in einem Football-Stadion vor nicht weniger als 84.000 Menschen statt. Hier ein Video davon:

Nach Reden wieder dieser folgt nur noch der traditionelle (und sehr telegene) baloon drop – ein Regen aus Luftballons und Konfettis, der auf open air-Events wie dem obigen von einem Feuerwerk begleitet wird. Eine solche Show geht natürlich ins Geld: Über 18 Millionen US-Dollar bekommen sowohl die Demokraten als auch die Republikaner an öffentlichen Geldern für ihre Conventions zur Verfügung gestellt (zusätzliche Mittel zur Gewährleistung der Sicherheit noch nicht eingerechnet).

Die 2008 von der Obama-Kampagne praktizierte Strategie, möglichst viele Leute an diesem Ereignis persönlich teilhaben zu lassen, ist übrigens durchaus schlüssig – nicht nur wegen der fotogenen Kulisse. Großveranstaltungen sind zwar teuer, bauen unter den TeilnehmerInnen aber eine stärkere Bindung zum/zur KandidatIn auf als die meisten anderen Formen der Kommunikation. (In Österreich wird dieses Instrument am konsequentesten von der FPÖ eingesetzt, die damit auch der – vollkommen zu Recht – kritischen Medienberichterstattung entgegenwirkt.)

Zur richtigen Zeit …

Doch bleiben wir besser in den USA: Die Republikaner veranstalten ihren Parteitag dieses Jahr vom 27. bis zum 30. August in Tampa, Florida, während jener der Demokraten vom 3. bis zum 6. September in Charlotte, North Carolina, stattfindet. Sowohl das Veranstaltungsdatum als auch der Ort sind dabei alles andere als ein Zufall.

Prinzipiell ergibt sich der Zeitpunkt der Conventions aus dem Wahlkalender. Klarerweise müssen die Parteien die letzten Vorwahlen im Juni abwarten, um zu tagen – denn erst dann stehen alle Delegierten fest. Um danach genug Zeit für die aufwändigen Vorbereitungen der perfekt orchestrierten Veranstaltungen zu haben (aber auch, um im Fall knapper Vorwahlentscheidungen einen Konsens innerhalb der Partei herstellen zu können) sind Termine vor dem Juli kaum machbar. Darüber hinaus ist es klug, ausreichend Zeit für die Auswahl und Präsentation eines/einer VizepräsidentschaftskandidatIn vorzusehen, weshalb eine Convention vor den (im gleichen Rhythmus wie die US-Wahlen stattfindenden) Olympischen Spielen heutzutage kaum in Frage kommt. Womit wir beim Stichwort Olympics wären: Um während dieses sportlichen Großereignisses nicht um die Aufmerksamkeit der TV-ZuschauerInnen rittern zu müssen, finden in dieser Zeit keine Parteitage statt – was sehr für einen Termin ab Mitte August spricht.

Ein Beleg für den Einfluss der Olympischen Spiele ist das Drehbuch der Romney-Kampagne, die Vizepräsidentschaftskandidaten Paul Ryan am letzten Tag der Wettkämpfe präsentiert hat, um zumindest bis zu ihrer Convention zwei Wochen lang die Hauptrolle auf der Wahlkampfbühne einzunehmen – und damit Momentum aufzubauen. Während sich noch zeigen muss, wie erfolgreich dieses Timing ist, wird im Tampa Bay Times Forum jedenfalls intensiv daran gearbeitet, den Herausforderern von Barack Obama eine ordentliche Bühne zu bieten:

Die eine Woche nach den Republikanern anberaumte Parteiversammlung der Demokraten soll der (finale) Wellenbrecher für die zu erwartende Medienoffensive von Mitt Romney und Paul Ryan sein. Obwohl es keine formellen Vereinbarungen oder gar gesetzlichen Regeln dafür gibt, hält die Partei des Amtsinhabers seit dem Jahr 1956 ihre Convention als zweite ab. Doch auch hier gibt es Limits: Der spätestmögliche Zeitpunkt für die formelle Nominierung eines Präsidentschaftskandidaten ist – aufgrund verschiedener bundesstaatlicher Wahlordnungen – Mitte September. Und dieses Limit auszureizen macht wenig Sinn, da Anfang September die NFL-Saison beginnt, was Publikumsaufmerksamkeit kostet. Tatsächlich muss Joe Biden mit seiner Rede am 5. September gegen das NFL-Eröffnungsspiel der New York Giants – Vorjahressieger der Super Bowl – antreten. Kritische Beobachter betrachten das als Regiefehler, wohlmeinende Strategen hingegen als Kalkül …

… am richtigen Ort.

Sicher kein Regiefehler ist hingegen der Umstand, dass die Republikaner ihre diesjährige Convention in Florida abhalten. Mitt Romney muss in diesem bedeutsamen battleground state unbedingt gewinnen, um ins Weiße Haus einzuziehen. Dementsprechend wirft sich die GOP in diesem Bundesstaat ziemlich ins Zeug – durchaus mit Aussicht auf Erfolg.

Etwas ungewöhnlicher ist im Vergleich dazu die Wahl des Veranstaltungsort der demokratischen Convention, denn im Südstaat North Carolina wäre ein Erfolg der Republikaner keine Überraschung. Barack Obama war zwar bei den letzten Wahlen der erste demokratische Präsidentschaftskandidat seit 1976, der diesen Bundesstaat gewinnen konnte – allerdings nur mit einem hauchdünnen Vorsprung von 0,33 %. Sollte es ihm jedoch gelingen, die 15 Wahlmänner dieses Bundesstaats erneut zu holen, stehen seine Chancen für eine zweite Amtszeit nicht schlecht.

Die Stunde der HoffnungsträgerInnen

Abseits all dieser taktischen Facetten: Wer den Conventions folgt, lernt das Who is Who – und vor allem auch die Hopefuls – der jeweiligen Partei kennen. Bei den Republikanern werden heuer wenig überraschend Marco Rubio und Chris Christie zentrale Rollen einnehmen. Auch von Julián Castro, dem 37-jährigen Bürgermeister von San Antonio, Texas, dürften wir in Zukunft wohl noch hören. Der aufstrebende Post-Hispanic Hispanic Politician wird die keynote address auf der diesjährigen demokratischen Convention halten. 2004 hat diese Rede ein Kandidat für einen Senatorensitz aus Illinois gehalten. Sein Name war Barack Obama. Hier die Rede zum Nachsehen (die bekannteste Passage beginnt bei 13:05):

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usa2012.at auf FM4

Der FM4 „Reality Check“ hat sich heute mit Romneys Vizepräsidentschaftskandidaten Paul Ryan befasst. Ich habe der Redaktion dafür ein kurzes Telefoninterview gegeben. Hier das Ergebnis zum Nachhören

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